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Hauptdaten
Herausgeber: Margherita Spagnuolo Lobb, Nancy Amendt-Lyon
Titel: Die Kunst der Gestalttherapie Eine schöpferische Wechselbeziehung
Verlag: Springer-Verlag
ISBN/ISSN: 9783211357200
Auflage: 1
Preis : CHF 88.10
Erscheinungsdatum:
Inhalt
Kategorie: Psychologie
Sprache: German
Technische Daten
Seiten: 355
Kopierschutz: DRM
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: PDF
Inhaltsangabe

Gestalttherapie verfügt über eine große Bandbreite therapeutischer Interventionen. Kreativität ist entscheidend für Gesundheit, Wohlbefinden und Intelligenz. Sie befähigt uns, neue Lösungen zu finden und uns in kritischen Lebenssituationen - wenn nötig - anzupassen. Der Terminus 'kreative Anpassung', unterstreicht die Bedeutung dieser Fertigkeit für die persönliche wie berufliche Entfaltung. Dieses Buch betrachtet das fruchtbare Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis, historischen und philosophischen Grundlagen, Fallstudien und speziellen Anwendungsbereichen. Ein repräsentativer Querschnitt von Theoretiker/innen aus Europa und den USA.

Inhaltsangabe

Eine Therapiesitzung: Dialog und Kokreation in der Kindertherapie (S. 230-231)

Sandra Cardoso-Zinker

Stellen Sie sich einen zerbrechlichen, kleinen Jungen vor, der in der Ecke eines Wartezimmers auf dem Fußboden sitzt und Zeitschriften anguckt. Er ist allein. Drei Jahre alt. Ich werde Ihnen seine Geschichte erzählen. Zunächst gedenke ich, ein paar grundsätzliche theoretische Gedanken mit Ihnen zu erörtern. Ich werde im Text zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht alternieren, weil ich weder dem einen noch dem anderen den Vorzug geben will.

I. Gestalttherapie und menschliches Wachstum

1951 haben Perls, Hefferline und Goodman das menschliche Wachstum in folgendem Kontext erwähnt:

Das Feld als Ganzes strebt nach Vervollständigung, Erreichen des einfachsten Gleichgewichts, das auf der jeweiligen Stufe des Feldes möglich ist. Da aber die Bedingungen stets wechseln, ist das erreichte Partialgleichgewicht immer wieder ein neues, in das man hineinwachsen muss. Der Organismus erhält sich nur, indem er wächst. Selbsterhaltung und Wachstum sind Pole auf einem Kontinuum, denn nur, was sich erhält, kann durch Assimilation wachsen, und nur, was immer wieder Neues assimiliert, kann sich erhalten, ohne zu degenerieren. Dies also sind die Stoffe und Energien des Wachstums: das konservative Bestreben des Organismus zu bleiben, wie er ist, die neue Umwelt, die Zerstörung früherer Partialgleichgewichte und die Assimilation neuer Stoffe (Perls et al., 1997, S. 166 f ) .

Ein Kind ist zum Wachstum geboren. Diese optimistische Auffassung vom Menschen hat meine Arbeit grundlegend geprägt. Eine Klientin unter der Aussicht aufzunehmen, dass sie auf dem Weg zu einem neuen Platz im Leben ist, egal, wie das geschehen wird, macht mich frei, mit ihr in Kontakt zu treten. Es gibt kein bestimmtes Ziel zu erreichen. Meine Aufgabe besteht darin, das Erleben meiner Klientin in einen lebendigen Dialog zwischen ihr und allem, was zu ihrer Beziehungswelt gehört, überzuführen.

Wir sind in ständigem Wandel begriffen. Perls, Hefferline und Goodman schreiben:

Der Kontakt, das heißt die Arbeit, die in Assimilation und Wachstum ihr Ergebnis hat, erschafft sich eine anregende Figur auf dem Hintergrund des Organismus/Umwelt-Feldes. Diese Figur (oder: Gestalt) der bewussten Wahrnehmung ist klar und lebendig, ob als Vorstellung, Bild oder als Einsicht, … Die Erschaffung von Figur und Hintergrund bedeutet einen dynamischen Prozess, in dem die Notwendigkeiten und die Hilfsquellen des Feldes der Spannung, Leuchtstärke und Macht der beherrschenden Figur ihre Kräfte verleihen (ibid., S. 13 f).


Wir stehen mit der Umwelt kontinuierlich in Beziehung. Jedes Kind verfügt über seine einzigartige Weise, Erfahrung zu assimilieren, was zugleich eine einzigartige Weise, auf die Außenwelt zu reagieren, hervorbringt. Wie Gary Yontef es beschreibt: „Die schöpferische Anpassung ist eine Beziehung zwischen einer Person und der Umwelt, in welcher die Person [1] ihren Lebensraum verantwortungsvoll kontaktiert, anerkennt und bewältigt und [2] Verantwortung für die Schaffung von Bedingungen übernimmt, welche ihrem Wohlbefinden förderlich sind" (1993, S. 195)1.

Diese Grundideen der Gestalttherapie stehen mit dem dynamischen Fluss des Kontakts und des Kontaktherstellens in Beziehung. Unser elementares In-Kontakt- Sein geht über die Erfahrung des Lebens vonstatten. In unserer Arbeit achten wir darauf, wie die Energie unseres Klienten in Bezug auf den Erfahrungsaustausch mit anderen und der Welt fließt. Ist die Energie kraftvoll und farbenfroh, gibt es Wachstum. Manchmal wird diese Energie jedoch von Erlebnissen beeinflusst, die negativ assimiliert werden und die Energieinvestition in neue Erfahrungen lähmen oder schwächen. So einem Moment mangelt es an spontaner Kreativität, und das Gewahrsein ist eingeschränkt. Das Kind wird gegenüber seinen eigenen Empfindungen und Gefühlen desensibilisiert. Die verschiedenen Möglichkeiten, die das Feld bereithält, um die Bedürfnisse eines Kindes zu erfüllen, werden nicht bemerkt oder vorzeitig fahren gelassen. Sogar die Erfahrung von Schmerz und Mühe, welche die Vitalität unseres Antriebs mobilisiert, wird vertan. Das Gefühl, ganz da zu sein, kommt zum Erliegen. Ein Kind braucht Hilfe und Unterstützung, um den Energiefluss, welcher es konstant in Bewegung und am Wachsen hält, wiederherzustellen. Bei dieser Gelegenheit braucht das Kind die Erfahrung eines findigen Therapeuten, der seine Klientin so weit zu stimulieren vermag, dass sie ihre Umwelt in Lebendigkeit und mit vermehrter Neugierde erlebt:

Der kreative Therapeut sieht den Klienten in seiner Ganzheit: seine Plastizität und Rigidität, seinen Scharfsinn und seine Dummheit, er sieht Fließen und Stocken, kognitive Exaktheit und Leidenschaft. Der kreative Therapeut ist ein Choreograph, Historiker, Phänomenologe, jemand, der den Körper studiert, ein Dramatiker, ein Denker, ein Theologe, ein Visionär (Zinker, 1990, S. 27).

Inhaltsverzeichnis
Vorwort7
Vorwort zur deutschen Ausgabe13
Zur Übersetzung15
Inhaltsverzeichnis17
Autorenadressen19
Einführung22
Teil I Wie das kreative Feld entsteht 25
Auf dem Weg zu einem gestalttherapeutischen Konzept zur Förderung des schöpferischen Prozesses26
I. Praxisbezogene theoretische Einflüsse28
II. Das Entwickeln ästhetischer und kreativer Dimensionen in der Gestalttherapie30
III. Das Vermächtnis der Pioniere und Pionierinnen31
IV. Auf dem Weg zu einem gestalttherapeutischen Konzept zur Förderung des schöpferischen Prozesses34
V. Conclusio42
Auf der anderen Seite des Mondes: Die Bedeutung impliziten Wissens für die Gestalttherapie145
Die therapeutische Begegnung  eine improvisierte Kokreation63
I. Einführung63
II. Improvisierte Kokreation  ein typisches Merkmal gesunder Beziehungen64
III. Die Dimension Zeit in der therapeutischen Kokreation: Der Veränderungsprozess und die Phasen der therapeutischen Begegnung66
IV. Was den Veränderungsprozess in der therapeutischen Kokreation möglich macht72
Schöpferische Fähigkeiten und die Lebenskunst78
I. Einführung78
II. Eine künstlerische Ausbildung80
III. Die fünf Dimensionen von Entwicklung und Veränderung81
IV. Conclusio90
Tiger! Tiger! Hell entfacht  Ästhetische Werte als klinische Werte in der Gestalttherapie93
I. Einführung93
II. Kontaktgrenze, Kontakt, Selbst, schöpferische Anpassung3  das Herzstück der Gestalttherapie94
III. Ästhetische Werte als klinische Werte98
IV. Klinische Ästhetik in der Praxis106
V. Conclusio108
Die Neurowissenschaft der Kreativität: Eine gestalttherapeutische Perspektive110
Teil II Die Definition kreativer Konzepte  eine Herausforderung122
Therapie, eine Sache der Ästhetik: Kreativität, Träume und Kunst in Gestalttherapie (PHG) 123
I. Hauptwort und Attribut: Kreativität in Gestalttherapie123
II. Träume als Mise en abîme Therapie126
III. Therapie und Poesie: Die Auffassung von Kunst in Gestalttherapie (PHG)129
Kreativität als Gestalttherapie131
I. Am Anfang131
II. Die Szenerie131
III. Auftritt Paul Goodman132
IV. Traumarbeit132
V. Tanz als Kokreation133
VI. Die erste gestalttherapeutische Professionellengruppe134
VII. Die politischen Implikationen der Gestalttherapie134
VIII. Den Strich ziehen: ein Grenzphänomen135
IX. Menschliche Kreativität und soziale Einschränkung135
X. Ein Beispiel aus der Praxis: Das136
XI. Gestalttherapie und Gestaltpsychologie138
XII. Wie das New Yorker Institut aus der Profigruppe hervorging138
XIII. Die Literatenrepublik139
XIV. Der Literat140
XV. Überlegungen141
XVI. Postskriptum142
Das weltenschwangere Nichts Salomo Friedlaenders Schöpferische Indifferenz143
I Wer war Salomo Friedlaender?144
II. Die Philosophie147
III. Friedlaenders Philosophie und die Gestalttherapie151
IV. Das Fünf-Schichten-Modell der Neurose153
Otto Ranks schöpferischer Wille und sein Einfluss auf die Gestalttherapie 159
I. Ranks Konzepte des schöpferischen Willens, Bewusstsein, die schöpferische Persönlichkeit und die Willenstherapie161
II. Schöpferischer Wille und Schuld165
III. Der schöpferische Wille und die Neurose166
IV. Der künstlerische Schaffensdrang167
V. Conclusio169
Schönheit und Kreativität in zwischenmenschlichen Beziehungen172
I. Die Sehnsucht nach dem Transzendenten174
II. Liebe175
III. Humor176
IV. Improvisation177
V. Multikontextualität179
VI. Kinder180
VII. Erwachsene180
VIII. Bewegung und Gestik181
IX. Kultur182
X. Kontextuelle Eigenschaften von Schönheit und Kreativität in zwischenmenschlichen Beziehungen182
Die Ästhetik des Commitments1: Was Gestalttherapeuten von Cézanne und Miles Davis lernen können185
I. Dranbleiben ... 185
II. Paul Cézanne189
III. Miles Davis191
IV. Das Ausdrücken von Subjektivität192
Kontakt und Kreativität: Der Gestaltzyklu