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Main Data
Author: Annemieke Hendriks
Title: Tomaten Eine Reise in die absurde Welt des Frischgemüses
Publisher: be.bra verlag
ISBN/ISSN: 9783839301371
Edition: 1
Price: CHF 7.30
Publication date: 01/01/2017
Content
Category: Cooking / Food / Drink
Language: German
Technical Data
Pages: 272
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Mehr als sieben Jahre lang verfolgte die Journalistin Annemieke Hendriks den Lebensweg der Tomate vom Samen bis zum Supermarkt. Dabei reiste sie kreuz und quer durch Europa und geriet mitten hinein in die bizarre Welt des globalisierten Nahrungsmittelmarkts. Im Gespräch mit Züchtern, Lobbyisten, Umweltschützern und anderen Experten stellte sie Fragen, die jeden von uns angehen: Woher kommt eigentlich das Frischgemüse, das wir täglich kaufen? Unter welchen Bedingungen wird es angebaut? Ist regional immer nachhaltig? Schmecken deutsche oder österreichische Tomaten anders als holländische? Gibt es wirklich 'Gen-Tomaten'? Die Welt der Tomaten ist voller Geschichten über mächtige Konzerne und kleine Familienbetriebe, über findige Großhändler und engagierte Einzelkämpfer, über kleine Schummeleien und große Ungerechtigkeiten - und sie ist voller hartnäckiger Mythen und unbequemer Wahrheiten.

Annemieke Hendriks, geboren 1956 in Den Haag, ist freie Journalistin und Buchautorin. Seit über zwanzig Jahren publiziert die Niederländerin Reportagen und Analysen zu verschiedenen Themen aus Kultur und Gesellschaft. Ihre Artikel erscheinen in niederländischen, belgischen und deutschen Medien, darunter Frankfurter Rundschau, Der Tagesspiegel, die tageszeitung und neues deutschland. Annemieke Hendriks lebt und arbeitet in Berlin und Amsterdam.
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Mythos Tomate


Es klingt einleuchtend: »Obst und Gemüse aus heimischem Anbau ist frisch, gesund und schont durch die kürzeren Transportwege die Umwelt.« Mit diesem Satz gab vor einigen Jahren die damalige deutsche Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner den Startschuss für die Kampagne »Einfach naheliegend« der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO).

Ganz so einfach ist die Welt allerdings nicht.

Gewiss: Eine Tomate ist gesund, wenn man dafür einen Riegel Schokolade liegen lässt. Aber ist sie daher automatisch heilsam, wie oft angenommen wird? Und sind Tomaten frischer, wenn sie aus Bayern nach Berlin reisen anstatt aus dem holländischen Grenzort Venlo? Wie frisch sind regionale Äpfel, die über viele Monate in gekühlten »Frischhaltelagern« liegen? Sind kurze Transportwege wirklich gut für die Umwelt, auch wenn die Produkte dafür in beheizten Gewächshäusern wachsen? Sind Qualität und Sicherheit garantiert, nur weil die Erzeuger in Deutschland sitzen?

Auf der Grünen Woche, der jährlichen Landwirtschaftsausstellung in Berlin, wird wie selbstverständlich damit geworben, dass deutsche Tomaten »frisch wie aus dem eigenen Garten« seien. Die Betonung liegt dabei auf dem »wie«, denn die für den Handel bestimmten Tomaten wachsen ja im Gewächshaus, auch in Deutschland und in Österreich. Aber auf den Werbebildern sucht man solche Stahl-und-Glas-Skelette vergebens, dort sind romantische Gärten und grüne Wiesen abgebildet. Niederländische Tomaten dagegen gelten gemeinhin als Industrieprodukte. Liebe Deutsche, habt ihr etwa Tomaten auf den Augen?

Es ist aufschlussreich, dass in einer Auflistung von sechzehn Sorten deutschen Gemüses auf der Internetseite der BVEO ausgerechnet die Tomate fehlt. Man findet sie auch nicht versehentlich unter »Obst«, sondern erst beim Weiterklicken unter dem Stichwort »Rezepte«. Dort wird vermeldet, dass die Tomate das meist gegessene Frischgemüse in Deutschland ist. Warum also fehlt sie auf der Liste? Vermutlich weil für deutsche Erzeuger mit deutschen Tomaten nur wenig zu verdienen ist. Denn es gibt sie kaum; nur etwa jede zwanzigste verkaufte Tomate kommt aus Deutschland.

Nationale Tomaten?


Die Tomate gehört in vielen Ländern der Welt zu den beliebtesten Gemüsesorten überhaupt. Im deutschsprachigen Raum kochen die Emotionen um sie allerdings besonders hoch. Viele fürchten sich hier zum Beispiel vor der »Gentomate«. Aber gibt es die überhaupt? Wo hört die Wahrheit auf und wo fängt die Fiktion an?

Ein Mythos, dem man häufig begegnet, ist der von der »nationalen Tomate«. Die Tomate aus heimischem Anbau ist nicht nur in Deutschland und Österreich heiß begehrt, sondern zum Beispiel auch in Polen, England und Rumänien. Das Saatgut für die in all diesen Ländern angebauten Tomaten wird aber sehr oft in Holland veredelt, also hergestellt. Diese Tatsache ist kaum bekannt, vielleicht auch deswegen, weil die Holländer jedem Kunden gern die Idee von seiner »einheimischen« Tomate gönnen. Früher, in ihren Kolonien, haben sie schließlich gelern