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Main Data
Author: Michel Abdollahi
Title: Deutschland schafft mich Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin
Publisher: Hoffmann und Campe Verlag
ISBN/ISSN: 9783455008944
Edition: 1
Price: CHF 14.20
Publication date: 01/01/2020
Content
Category: Biografien
Language: German
Technical Data
Pages: 200
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Von Deutschlands 'Super-Vorzeige-Migrant' zum Hassobjekt der Rechten Michel Abdollahi ist ein echter 'Hamburger Jung' - so dachte er jedenfalls von sich. Bis die AfD in die Parlamente einzog und die gesellschaftliche Debatte radikal veränderte. Auf einmal sind Menschen mit schwarzen Haaren 'Vergewaltiger' und 'Kopftuchmädchen', jeder Muslim ein 'Bombenleger'. Zu Abdollahis Entsetzen werden solche Aussagen auch noch von einem Großteil der Medien und der demokratischen Parteien diskutiert, was erst recht dazu führt, dass sich der Hass voll entlädt. Deutschland schafft mich ist ein erschütterndes Zeugnis einer Gesellschaft, für die rechtes Denken zunehmend normal wird, und in der Menschen mit Migrationshintergrund zu Hassobjekten geworden sind. 'Der Gentleman-Journalist' - Anja Reschke, Panorama 'Abdollahi bringt das Herumgeeier auf den Punkt, in das viele Deutschen geraten, wenn sie versuchen zu begreifen, dass das Land in dem sie leben, sich geändert hat, und weiter ändern wird und muss.' - Süddeutsche Zeitung

Michel Abdollahi wurde 1981 in Teheran geboren und zog 1986 mit seiner Familie nach Hamburg. Er studierte Jura und Islamwissenschaft an der Uni Hamburg. Seit 2000 ist er in der Poetry-Slam-Szene aktiv, wo er inzwischen als "Koryphäe" (<EM>taz</EM>) gilt. Er gründete die Veranstaltungsreihe "Kampf der Künste" in Hamburg und moderiert die Late-Night-Talkshows <EM>Käpt'ns Dinner</EM> und <EM>Der deutsche Michel</EM> im NDR. Für seine Straßenaktionen als NDR-Reporter und die Dokumentation <EM>Im Nazidorf</EM> erhielt er 2016 den Deutschen Fernsehpreis. 2017 erhielt er den Gustaf-Gründgens-Preis.
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19862014

Die alte Ordnung


Verständigung


Einem Kind kann man nicht verständlich machen, warum sich bestimmte Menschen nicht mögen, nur weil sie anders aussehen. Kinder verstehen das nicht. Kinder kennen keinen Rassismus, sie erlernen ihn erst im Laufe ihres Lebens.

An meiner Grundschule war ich neben einem anderen Jungen, den alle »Schokolade« riefen, weil er so dunkel war, der einzige Ausländer. Ich nannte ihn auch so, ich hatte keine Ahnung, dass es falsch war. Kinder eben, so sind sie, ungezwungen und ehrlich. Nein, eben nicht: Kinder sind ahnungslos und auf sich selbst gestellt. Natürlich hätte uns ein Lehrer aufklären müssen, aber das geschah nicht. Sicher würde eine frühe Sensibilisierung die Grundlage dafür schaffen, sich im Laufe des Lebens immer wieder mit diesem Thema auseinanderzusetzen, damit aus einem vermeintlichen Scherz später keine echte Fremdenfeindlichkeit wird. Hier ist noch immer einiges zu tun.

Anfang der neunziger Jahre gesellte sich mit Olga das erste Kind aus der sich im Zerfall befindenden Sowjetunion dazu. Damals war ich in der dritten Klasse und konnte mittlerweile schon ganz gut Deutsch. Olga war Armenierin oder Aserbaidschanerin, ich erinnere mich nicht mehr so genau, auf jeden Fall aus einer ehemaligen Sowjetrepublik, die eine Grenze zum Iran hatte. Das Mädchen mit dem runden Gesicht und den herzlichen Eltern war nun die Neue in der Klasse und wurde deshalb natürlich von allen etwas kritischer beäugt, wie das eben so ist, wenn jemand zu einer bestehenden Gruppe dazu stößt. Von Begriffen wie Migrationshintergrund und Integration waren wir damals noch sehr weit weg.

Olga wurde in die Klasse gesetzt und alle wunderten sich, warum das zehnjährige Mädchen einen nicht verstand, wenn man es ansprach. Unverhofft wurde aus mir, dem einst selbst Unverstandenen, die Brücke zwischen Olga und Deutschland. Als Olga nämlich von der Lehrerin auf Deutsch angesprochen wurde, machte sie mehrere Anläufe, sich verständlich zu machen. Erst auf einer Sprache, die ich nicht verstand, dann aber plötzlich auf Persisch. Olga sprach tatsächlich Persisch! Das führte zu einer ähnlichen Ratlosigkeit zwischen allen Parteien wie drei Jahre zuvor, als ich neu in der Klasse saß, nur diesmal mit dem Unterschied, dass es jemanden gab, der ihre Sprache sprach. Also meldete ich mich und erklärte meiner Lehrerin, dass ich Olga verstand. Allgemeines Staunen. »Soll ich übersetzen?«, fragte ich. Noch größeres Staunen. Was sollte das heißen, »übersetzen«? Für viele Kinder war das noch ein Fremdwort, ich jedoch hatte das Wort besonders schnell gelernt und auch Olga kannte es. Bei uns zu Hause musste ständig übersetzt werden. Also übersetzte ich, und ich glaube, die meisten meiner Mitschüler hörten mich das erste Mal in meiner Muttersprache sprechen, fleißig zwischen Deutsch und Persisch hin und her wechselnd, sodass Olga dem Unterricht folgen konnte.

Irgendwann war Olga plötzlich weg. Sie kam nicht mehr zur Schule. Was passiert war, wussten wir nicht. Es erklärte uns auch niemand. Rückblickend denke ich, dass die Familie entweder eine größere Wohnung bekommen hatte und umgezogen war oder abgeschoben wurde. Ich hoffe Ersteres. Auch wenn es nur kurz war, es war ein schönes Gefühl, jemandem eine Stimme zu geben. Die Macht der Sprache wurde mir da zum ersten Mal so richtig bewusst. Olga hatte nicht meinen Weg gehen müssen und das machte mich froh.

Nun hatte ich das Glück, von liebevollen Eltern großgezogen zu werden, die sich um ihr Kind kümmern konnten, weil Zeit und Geld da waren. Wobei der größte Luxus sicher ihre Sprachkenntnisse waren. Ich denke mittlerweile nicht mehr, dass die Sprache der einzige Schlüssel zum Erfolg ist. Diese These hat sich