Login
 
Main Data
Author: Veronika Hein
Title: Das Nachleben der pharaonischen Musik in der Musik der koptisch-orthodoxen Kirche Fakt oder Fiktion?
Publisher: Grin Verlag
ISBN/ISSN: 9783638055512
Edition: 1
Price: CHF 24.90
Publication date: 01/01/2008
Content
Category: Music / Dance / Theater / Film
Language: German
Technical Data
Pages: 72
Kopierschutz: kein Kopierschutz/DRM
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: PDF/ePUB
Table of contents
Magisterarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Musikwissenschaft, Note: 1,7, Universität zu Köln (Musikwissenschaftliches Institut), 110 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Im Sinne einer 'recherche de la musique perdue' beschäftigt sich die Untersuchung 'Das Nachleben der pharaonischen Musik in der Musik der koptisch-orthodoxen Kirche - Fakt oder Fiktion?' mit der Frage, ob und inwieweit die Musik Altägyptens in der koptischen Musik weitergeführt wurde. Nach einem Überblick über die Musik Altägyptens und die koptische Musik werden die altägyptischen Spuren, die sich in der koptischen Musik finden lassen, aufgezeigt. Berücksichtigt werden Tonsystem, Instrumente, Gesang, Notation (Cheironomie), musikalische Formen, Glaube und Liturgie sowie fremde Einflüsse. Einige Beispiele sollen zudem zeigen, dass es möglich ist, dass sich die pharaonischen oder zumindest frühen koptischen Melodien über einen langen Zeitraum hinweg erhalten haben. Anhand der Konzepte des kulturellen Gedächtnisses (Jan Assmann) und der erfundenen Tradition (Hobsbawm, 'invented tradition') soll überprüft werden, inwieweit eine Überlieferung der Melodien bis heute glaubhaft erscheint. Dabei beschränkt sich die Analyse auf die koptisch-orthodoxe Kirche in Ägypten. Auf andere koptische, orthodoxe oder weitere christliche Kirchen und ihre Musik wird nur am Rande eingegangen. Die enge Verbindung von Opfer und Musik im Neuen Reich mag in die koptische Liturgie übernommen worden sein. Dafür spricht die Tatsache, dass fast die ganze Messe gesungen zelebriert wird. Schon im pharaonischen Ägypten zeigte sich die nahezu unveränderte Kontinuität der Tempelmusik. Wie so viele Bereiche ist auch die altägyptische Musik unter dem Blickwinkel der 'hieratischen Stillstellung' (Burckhardt) zu sehen. Wenn sich ein so wichtiger Brauch wie das Bestattungsritual (neben vielen anderen) von der pharaonischen Zeit bis heute erhalten hat, warum sollte dies nicht auch auf die Musik zutreffen, die damals wie heute eine wichtige Funktion im Kult innehatte?
Table of contents

II. Die Musik Altägyptens[1]


 

Villoteau stützt sich bei seinem Beitrag zur Description de l'Égypte über die ägyptische Musik auf antike Autoren. So gab Platon an, die Künste im alten Ägypten seien an die heilige Lehre gebunden (Villoteau 1821: 23). Da die Musik Teil dieser Künste war (ebd.: 34), waren alle Gesänge, auch die religiösen, durch Gesetze bestimmt (ebd.: 29).

 

 Musikerziehung war verpflichtend für jeden (ebd.: 34). Studium und Lehre der Musik sowie der anderen heiligen Wissenschaften waren aber allein den Priestern gewährt (ebd.: 113). Die mündliche und gesungene Weitergabe wurde gegenüber der schriftlichen favorisiert (ebd.: 53).

 

 Laut Diodor erfand Hermes (griech. für den ägypt. Gott Toth) den Götter- und Opferdienst, studierte den Lauf der Himmelskörper und die Harmonie der Töne und schuf die Lyra, die er mit drei Saiten zur Nachahmung der drei Jahreszeiten bespannte. Der hohe Ton symbolisierte den Sommer, der mittlere den Frühling, der tiefe den Winter (ebd.: 69f)[2] (die Ägypter hatten nur drei Jahreszeiten: Überschwemmung, Wachstumszeit und Ernte bzw. Trockenzeit).

 

 Die Musik war mit der Astronomie verbunden: sieben diatonische Töne repräsentierten die sieben Planeten, bezeichnet durch sieben Vokale (ebd.: 105) (siehe Kapitel II.5).

 

 Die vier Töne jedes Tetrachords entsprachen den vier Elementen und vier Temperamenten (ebd.: 106). Ferner bestand eine Entsprechung der zwölf Töne mit den zwölf Tierkreiszeichen, der sieben Töne mit den Tagesstunden sowie den Wochentagen. Zudem entsprachen laut Dio Cassius die sieben Planeten (Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond) den Tag- und Nachtstunden (ebd.: 107f).

 

 Stand in früheren Zeiten der Schreiber für die ägyptische Kultur schlechthin, so war es in der Spätzeit der Priester (J. Assmann 2005: 190). Die Kultur wurde 'klerikalisiert' und 'sakralisiert'. In dieser Umbruchszeit wurde sich Ägypten seiner Tradition bewusst und beschäftigte sich intensiv mit seiner Vergangenheit. Im Bedürfnis nach kultureller Identität wurde vieles kodifiziert und 'hieratisch stillgestellt'[3] (ebd.: 193). Dies dürfte auch für die Musik gegolten haben.

 

 In der Ptolemäerzeit zeigte sich das Bemühen, die ägyptische mit der griechischen Musikkultur zu vereinen. "Scheinen auch die beiden Musikkulturen im Niltal einige Jahrhunderte nebeneinander oder vermischt existiert zu haben, so zeigt[e] sich doch deutlich der Traditionsverlust im Land einstiger Pharaonenherrschaft" (Hickmann / Manniche 1989: 69). Neben hellenistischen Elementen gab es auch asiatische und römische Einflüsse im Bereich der weltlichen Musik, die wohl vor allem in Alexandria ausgeübt wurde (ebd.: 71).

 

Altägyptische Musik wirkt weiter in der Musik der Kopten, erhielt sich sicherlich auch unter dem Einfluss von Byzanz vom 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr. und blieb eigenständig, mit Elementen auch der pharaonischen Vergangenheit, seit der Eroberung durch die Araber, damit der Islamisierung im 7. Jahrhundert (ebd.).

 

II.1 Tonsystem


 

Aufgrund antiker Berichte und von erhaltenen Instrumenten lassen sich einige Theorien zum altägyptischen Tonsystem ableiten.

 

Durch die Verbindung der Tagesstunden mit den Planeten wird von Villoteau (mit Bezug auf Dio Cassius) eine Art 'Heptaechos' abgeleitet: Der erste Ton ist h. Vier Grade aufsteigend oder fünf absteigend erhält man die erste Note der ersten Stunde des nächsten Tages (Villoteau 1821: 108ff): Saturn – Samstag – E; Sonne – Sonntag – A; Mond – Montag – d;  Mars – Dienstag – g; Merkur – Mittwoch – c'; Jupiter – Donnerstag – f'; Venus – Freitag – b'[4] (Farmer 1966: 277).[5]

 

 Flavius Josephus[6] (ca. 37/38-100) beschreibt die Harfen der ägyptischen Tempelmusiker als 'organon trigonon enarmonion'. Demnach seien sie enharmonisch gestimmt gewesen. Sachs (1943: 71) leitet daraus die Beispielskala A F E C H ab. Von Darstellungen der Fingerpositionen auf Harfen ausgehend[7] kommt er zu dem Ergebnis, dass Einklang, Quarte, Quinte und Oktave gespielt wurden und die Instrumente pentatonisch gestimmt waren (ebd.: 99f).

 

 Laut Platon waren keine Abweichungen von den existierenden Modellen (wie Modi, Melodien etc.) in der Musik gestattet (Farmer 1966: 265). Jede Note besaß kosmischen Wert und magische Kraft. Es ist anzunehmen, dass ein Modus-System in Gebrauch war und feste melodische Formeln eine bestimmte (u.a. moralische) Wirkung entfalten sollten (ebd.: 276). Möglicherweise befand sich eine Modus-Theorie in den Büchern des Hermes (Thot), von denen Clemens von Alexandria (ca. 150-215) berichtet (ebd.: 277). Darunter befinden sich Hymnen-Bücher, Bücher über Gesetze, Götter, priesterliche Bildung, Erziehung sowie viele andere.[8]

 

 Man nimmt an, dass Pythagoras, der um 547-525 v. Chr. in Ägypten war, dort seine Musiktheorie entwickelte, so wie alle Bereiche des Quadriviums (Mathematik, Geometrie, Arithmetik, Musik) wohl dort entstanden sind. Das pythagoräische System konnte an überlieferten Instrumenten jedoch nicht bewiesen werden (Farmer 1966: 277f).

 

 Altägyptische Lauten der 18. Dynastie