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Main Data
Author: Gunter Reus
Title: Marcel Reich-Ranicki Kritik für alle
Publisher: wbg Theiss
ISBN/ISSN: 9783806240627
Edition: 1
Price: CHF 18.90
Publication date: 01/01/2020
Content
Category: Biografien
Language: German
Technical Data
Pages: 224
Kopierschutz: DRM
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Er war der berühmteste Literaturkritiker Deutschlands, verehrt, gefürchtet und verhasst. Marcel Reich-Ranicki hat Maßstäbe gesetzt. Doch was von ihm bleibt und bleiben sollte, ist nicht, was er über Literatur sagte, sondern wie er es tat. ?Das Literarische Quartett? mit Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek und Iris Radisch war Kult. Gunter Reus präsentiert einen Feuilletonisten, der Kritik konsequent als Dienstleistung für alle begriff. Reich-Ranicki brachte Literatur zu Menschen, die kein Kritiker vor ihm erreicht hatte: Seine Argumentation war transparent, seine Sprache barrierefrei. Er verband ein Gespür für Relevanz mit Unterhaltsamkeit und Originalität. Er war glaubwürdig durch den Mut zu strikter Unabhängigkeit. In einer Zeit, in der Journalisten allenthalben Misstrauen entgegenschlägt, könnten solche Stärken dem Feuilleton Halt und Profil verleihen gegen die Meinungsschwemme im Internet. Bei manchen seiner heutigen Kollegen, so zeigt eine Umfrage am Ende des Buches, ist das Vorbild Reich-Ranicki gleichwohl umstritten. l

Dr. Gunter Reus ist außerplanmäßiger Professor für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Nach Studium (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte) und Promotion in Mainz lehrte er fünf Jahre in Frankreich als DAAD-Lektor an der Universität Lille. Reus war als freier Journalist für die Allgemeine Zeitung und den Südwestfunk in Mainz tätig. Nach einem Volontariat arbeitete er als Redakteur der Taunus Zeitung Bad Homburg und der Frankfurter Neue Presse, bevor er zur Journalistenausbildung in die Hochschule zurückkehrte. Die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen auf den Gebieten Kulturjournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien.
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Reich-Ranicki und die Folgen I


Das Land, an dem er hing, stieß ihn fort und ließ ihn nicht los. Auch in der Fremde setzte es ihm noch übel zu. Er beherrschte die andere Sprache dort, doch Halt und Heimat gab ihm die eigene, mitgeschleppte, auch wenn sie die Sprache der Bedränger war. In ihr konnte er sich behaupten und schützen, konnte schwärmen und lieben, konnte zweifeln und verdammen, konnte wertschätzen und spotten, auch zynisch und ungerecht sein. In ihr nahm er Menschen für sich ein und brachte andere gegen sich auf, fand in gewöhnlichen Worten zu ungewöhnlichen Urteilen über seine Zeit. In ihr machte er sich Freunde mit sprachlicher Klarheit und Feinde mit journalistischer Direktheit. In ihr fand er zur Symbiose von hohem Ton und Alltagsverständlichkeit  ein écrivain journaliste, ein Feuilletonist: Heinrich Heine.

Feuilletonismus  das war und ist in Deutschland stets verdächtig. Der Begriff steht hierzulande immer wieder für fehlende Tiefe und für vorlaute, wenn auch hübsch formulierte Anmaßung. Es ist eine Ironie der Pressegeschichte, dass ausgerechnet ein Feuilletonist genau das Heine ankreidete. In seiner Polemik Heine und die Folgen warf der Wiener Journalist Karl Kraus dem Autor des Atta Troll und des Buchs der Lieder 1911 vor, das Geistige mit dem bloß Informierenden, die Kunst mit dem Journalismus vermengt zu haben. Heine habe Generationen von Zeitungsschreibern gelehrt, ihre Lumperei mit Troddeln und Tressen zu schönen, und er sei es, der der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert hat, daß heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können.1 Was für eine hübsch formulierte Anmaßung  als stehe es nur wenigen und ganz bestimmt nicht den kleinen Gehilfen der Zeitungsverlage zu, den Schönheiten der Sprache nachzuspüren.

Marcel Reich-Ranicki hat sich nicht allzu oft über Karl Kraus ausgelassen. Er erkannte zwar den Sprachkünstler an und nahm in seine voluminöse Kanonbibliothek der deutschen Literatur einige Gedichte und Essa