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Main Data
Author: Eddy de Wind
Title: Ich blieb in Auschwitz Aufzeichnungen eines Überlebenden 1944-45
Publisher: Piper Verlag
ISBN/ISSN: 9783492994071
Edition: 1
Price: CHF 16.10
Publication date: 01/01/2020
Content
Category: Biografien
Language: German
Technical Data
Pages: 240
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
1944 werden der junge niederländisch-jüdische Arzt Eddy de Wind und seine Frau Friedel nach Auschwitz deportiert. Als Häftling mit der Nummer 150822 erlebt Eddy den Terror der Nationalsozialisten am eigenen Leib: die Appelle in eisiger Kälte, die Zwangsarbeit in sengender Hitze, die Krankheiten, den Hunger, die willkürlichen Erschießungen und die Grausamkeiten, die das Lagerleben prägen. Kurz bevor die Russen das Lager im Januar 1945 befreien, wird seine Frau aus Auschwitz verschleppt, Eddy aber bleibt zurück. Wie durch ein Wunder überleben beide. Dies ist ihre Geschichte - sie wurde geschrieben im Lager von Auschwitz. Das erschütternde Dokument wurde 1946 in den Niederlanden veröffentlicht. Nun liegt es erstmals auf Deutsch vor.

Eddy de Wind, Jahrgang 1916, war ein niederländischer Arzt jüdischer Herkunft. 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert und überlebte den Holocaust. Nach seiner Rückkehr in die Niederlande arbeitete er als Psychiater und Psychoanalytiker. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit bildete die Behandlung von Patienten, die unter Kriegstraumata litten. Er starb 1987.
Table of contents

*

Der Zug hielt lange, so lange, dass sie ungeduldig wurden und sich endlich Klarheit wünschten, sich wünschten, endlich sehen zu können, was Auschwitz bedeutete. Die Klarheit sollte schnell kommen.

Bei Tagesanbruch setzt sich der Zug ein letztes Mal in Bewegung, um nach ein paar Minuten erneut auf einem von Flachland umgebenen Bahndamm zu halten. Dort standen Gruppen von zehn bis zwölf Männern. Sie trugen blau-weiß gestreifte Anzüge und ebensolche Mützen. Unzählige SS-Leute liefen seltsam geschäftig auf und ab.

Kaum war der Zug zum Stehen gekommen, stürmten die Männer in den Sträflingsanzügen zu den Waggons und rissen die Türen auf. »Das Gepäck rauswerfen, alles vor den Waggon.« Sie erschraken sehr, denn sie begriffen, dass ihnen jetzt alles genommen würde. Hektisch wühlten sie noch kurz zwischen den Kleidern, um das Wichtigste zu retten. Aber die Männer waren bereits in die Waggons gesprungen und begannen, Gepäck und Menschen hinauszuwerfen. Nach kurzem Zögern standen sie draußen. Doch schon bald strömten SS-Leute von überallher auf sie zu und trieben sie zu einer Straße, die parallel zum Zug verlief. Wer nicht schnell genug war, den traten sie oder verprügelten ihn mit ihren Stöcken, sodass jeder zusah, sich so schnell wie möglich in die Schlangen einzureihen, die sich gerade bildeten.

Erst da begriff Hans: Sie wurden auseinandergerissen. Männer und Frauen wurden voneinander getrennt. Hastig küsste er Friedel. »Auf Wiedersehen«, und schon war es vorbei. Vor den langen Reihen stand ein Offizier mit einem Stock, und langsam marschierten alle auf. Der Offizier warf einen flüchtigen Blick auf jeden Einzelnen und zeigte mit seinem Stock nach links oder nach rechts. Nach links gingen alle alten Männer, Invaliden und Jungen, die aussahen, als wären sie unter achtzehn. Nach rechts die jungen und kräftigen Männer.

Hans erreichte den Offizier, beachtete ihn aber nicht weiter. Er hatte nur Augen für Friedel, die in wenigen Metern Entfernung in ihrer Reihe stand und darauf wartete, dass die Frauen drankamen. Sie lächelte ihm zu, als wollte sie sagen: »Keine Sorge, alles wird gut.«

Daher hörte er nicht, dass ihn der Offizier  ein Arzt  fragte, wie alt er sei. Der Arzt ärgerte sich, dass er keine Antwort bekam, und versetzte Hans einen derartigen Schlag mit dem Stock, dass er gleich nach links taumelte.

 

Da stand er zwischen den Unglücklichen, den alten Männern. Neben ihm ein Blinder und auf der anderen Seite ein debil wirkender Junge. Hans biss sich auf die Unterlippe vor Angst. Er wollte das Schicksal der Kinder und Alten nicht teilen, begriff, dass nur die Starken eine Überlebenschance hatten. Aber es war nicht möglich, zur anderen Reihe hinüberzulaufen, denn überall hielten SS-Leute Wache, das Gewehr im Anschlag.

Friedel kam zu den jungen Frauen. Ältere Frauen und sämtliche Frauen mit Kindern bildeten eine weitere Reihe. Auf diese Weise entstanden vier Reihen, ungefähr hundertfünfzig Frauen und ebenso viele Männer. Die anderen siebenhundert warteten in ihren eigenen Reihen am Straßenrand.

 

Dann kam der Stabsarzt zurück, schnauzte die Älteren an und fragte sie, ob Ärzte unter ihnen seien. Vier Männer sprangen nach vorn. Der Arzt wandte sich an Van der Kous, einen alten Amsterdamer Hausa