Login
 
Main Data
Author: Valerie Schönian
Title: Ostbewusstsein Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet
Publisher: Piper Verlag
ISBN/ISSN: 9783492996563
Edition: 1
Price: CHF 14.20
Publication date: 01/01/2020
Content
Category: Biografien
Language: German
Technical Data
Pages: 272
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Valerie Schönian kam am 25. September 1990 in Sachsen-Anhalt zur Welt - acht Tage vor der Wiedervereinigung. Sie wurde geboren in einem Staat, der kurz darauf nicht mehr existierte. Lange dachte sie, Ost und West spielen keine Rolle mehr. 2020 feiert Deutschland 30 Jahre Wiedervereinigung, doch je länger die Mauer gefallen ist, desto ostdeutscher fühlt sich Valerie Schönian. Und damit ist sie nicht allein. Woher kommt das neue Ost-Bewusstsein, warum halten sich alte Klischees so hartnäckig, und was sagt das über die Deutsche Einheit aus? Um Antworten zu finden, sprach Valerie Schönian mit Soziologen, Politikern und Vertretern ihrer und älterer Generationen aus West und Ost, darunter Lukas Rietzschel, Jana Hensel und Philipp Amthor.

Valerie Schönian, Jahrgang 1990, wuchs in Magdeburg auf. Für ihr Studium der Politikwissenschaft und Germanistik ging sie nach Berlin und absolvierte anschließend die Deutsche Journalistenschule in München. Heute lebt sie als freie Journalistin in Berlin und arbeitet u.a. als für das Leipziger Büro der ZEIT.
Table of contents

2 Plötzlich Ossi


Wenn ich im Rückblick darüber nachdenke, wann es anfing, lande ich in Berlin, wohin ich nach meinem Abitur zog, um zu studieren. Dort wurde mir das erste Mal klar, dass es Unterschiede zwischen Ost und West gibt, weil ich Leute traf, die nicht wussten, was ein Polylux ist (westdeutsch: Overheadprojektor). Das war kein Problem. Eher lustig. Wie eben einige Leute mit dem Oktoberfest aufwachsen, andere mit dem Baumblütenfest. (In Magdeburg war es einfach: der Rummel.)

Mit 21 Jahren lebte ich für ein paar Wochen in Bayern, weil ich dort ein Praktikum absolvierte. Dabei hatte ich nicht den Gedanken, jetzt in »Westdeutschland« zu sein. Meine bayerischen Kolleginnen machten Witze über den grauen Osten, ich über den Versuch, unironisch Lederhosen zu tragen  alles war in Ordnung. Witze sind kein Problem, wenn alle Seiten einverstanden sind und sie auf Augenhöhe passieren. So fühlte es sich damals an.

Das änderte sich ab dem Herbst 2014, als ich für eineinhalb Jahre nach München zog. Obwohl ich mich da selbst bewusst noch nicht viel mit Ostdeutschland auseinandergesetzt habe, begann ich zu ahnen, dass irgendetwas nicht so in Ordnung ist, wie ich dachte. Eine bayerische Freundin fasste mir das, was sie in der Schule über die DDR gelernt hatte, so zusammen: Es war einmal ein schlimmer Staat, dank uns, den Westdeutschen, wurden die Leute gerettet, jetzt ist alles gut. Und dann begann zur selben Zeit auch noch Pegida in Dresden zu marschieren. Ich stand in München auf einer Gegendemo. Doch etwas unterschied mich von den Leuten um mich herum. Ich sah in den Demonstrierenden in Dresden Wütende. Viele andere, hatte ich das Gefühl, sahen zuallererst Ostdeutsche. Eine Freundin gestand mir, dass sie wegen Pegida in ganz finstere Klischees zurückfalle: »Die sind irgendwo tief in mir vergraben. Sodass ich denke: Scheiß Ossis! Ihr Jammerlappen, dass ihr euch immer noch benachteiligt fühlt!«

»Jammerlappen« dachte ich nicht. Aber so richtig verstand auch ich nicht, was dort los war in Ostdeutschland. Ab dem Herbst 2015, als Tausende Geflüchtete nach Deutschland einreisten und die Migrationspolitik die deutschen Wohnzimmertische erreichte, stritt auch ich mit meinen Eltern darüber. Ich war zu Besuch in Magdeburg, wir diskutierten über Flüchtlingspolitik, und mein Vater sagte, dass Migration eben reguliert werden müsse. Ich bekam Herzklopfen, vermutete Schlimmstes, wurde laut und schwor, zu Weihnachten nie wieder nach Hause zu kommen, sollte er jemals zu Pegida gehen oder die AfD wählen. Was mein Vater beides nicht tat und auch nicht tun wird. Er sagte da nur etwas, was mittlerweile für viele Menschen zu einem politischen Allgemeinplatz geworden ist. Ich jedoch wollte das nicht hören. Weil ich es unerträglich fand, Menschen Hilfe zu verweigern, obwohl man die Möglichkeit hätte, diese zu leisten (was ich immer noch finde). Aber ich wollte damals auch überhaupt nicht verstehen, woher die Skepsis kommt, die in Ostdeutschland zunächst größer war. Woher die Wut kommt, das Bedürfnis nach Protest. Das Gespräch mit meinen Eltern war schnell vorbei.

2016 zog ich zurück nach Berlin, und dort passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Ich merkte, wie wenige sich für den Osten interessieren. Deshalb tat ich es umso mehr  ein bisschen aus Trotz. Je mehr ich meinen Blick auf den Osten richtete, desto mehr wurde mir das fehlende Interesse der anderen bewusst. Und desto mehr wuchs mein Lernbedürfnis. Danach, mich damit auseinanderzusetzen, warum die Ostdeutschen anscheinend immer noch irgendwie