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Main Data
Author: Jeremias Thiel
Title: Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss
Publisher: Piper Verlag
ISBN/ISSN: 9783492996181
Edition: 1
Price: CHF 12.30
Publication date: 01/01/2020
Content
Category: Biografien
Language: German
Technical Data
Pages: 224
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Als Jeremias Thiel elf Jahre alt ist, macht er sich auf den Weg zum Jugendamt. Er hält es zu Hause nicht mehr aus, hat Angst, der Armut und Verwahrlosung, die dort herrschen, niemals entkommen zu können. Seine Eltern sind psychisch krank und leben von Hartz IV, die häusliche Situation ist mehr als schwierig. Von da an lebt er im SOS-Jugendhaus, bis er als Stipendiat auf ein internationales College geht und im Herbst 2019 sein Studium in den USA beginnt. Er ist sich sicher, dass viele, die in ähnlichen Verhältnissen leben, nicht die Möglichkeit haben, sich daraus zu befreien. In diesem Buch erzählt Jeremias seine Geschichte und liefert zugleich einen bewegenden und aufrüttelnden Appell für mehr soziale Gerechtigkeit.

Jeremias Thiel wurde 2001 in Kaiserslautern geboren. Er und sein Zwillingsbruder wuchsen unter schwierigen Bedingungen auf, die Eltern sind beide langzeitarbeitslos und das Geld ist immer knapp. Die Eltern sind psychisch krank und beide oft nicht in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern. Als Jeremias 11 ist, spitzt sich die Situation so dramatisch zu, dass er seine Familie auf eigenen Wunsch verlässt. Von da an lebt er in einem SOS-Kinderdorf . Im Frühjahr 2019 wird er sein sein Abitur am internationalen College in Freiburg absolvieren und danach sein Studium in den USA aufnehmen.
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Prolog: Der Verrat


Der letzte Abend, den ich in meiner Familie verbracht habe, war der 10. September 2012. Nein, eigentlich stimmt das nicht. Ich habe ihn nicht mit meiner ganzen Familie verbracht, sondern mit meinem Zwillingsbruder Niklas und meinem Halbbruder Stephan, der eigentlich bei einer Pflegefamilie in Polen lebte und uns zu dieser Zeit besuchte. Bis dahin hatte ich ihn noch gar nicht gekannt, aber in den Monaten, als er bei uns war, haben wir viel miteinander unternommen. Ab und zu sind wir mit dem Sozialausweis unserer Eltern ins Freibad gefahren. An sehr viel mehr erinnere ich mich nicht mehr. Meine Mutter hatte meinen Halbbruder irgendwann rausgeworfen, als er zwanzig war. Sie kam überhaupt nicht mit ihm klar.

An diesem Abend im September 2012 war ich elf. Ein kleiner, schmächtiger Elfjähriger, Schüler der sechsten Klasse, Gesamtschule Bertha von Suttner, Kaiserslautern. Bis zu diesem Abend hatte ich mir alle Mühe gegeben, so etwas wie ein Familienleben aufrechtzuerhalten. Ich habe morgens alle aufgeweckt, meinen Bruder für die Schule fertig gemacht, uns Frühstück gemacht, so gut ich konnte. Nach der Schule habe ich eingekauft, Geld am Automaten geholt und ab und zu geholfen, wenn mal wieder ein Antrag ausgefüllt werden musste. Doch allmählich spürte ich, dass das so nicht weiterging. Ein elfjähriger Junge kann nicht die Verantwortung für seine Eltern übernehmen, schon gar nicht für seine ganze Familie. Und schon dreimal nicht für eine Familie wie unsere. So klar war mir das an diesem Abend allerdings nicht, es war mehr ein undeutliches Gefühl. Eine Art Panik, die in mir aufstieg. Ich wusste nicht, dass ich mir etwas Unmögliches aufgehalst hatte. Ich wusste nur, dass ich total überfordert war und nicht mehr konnte. Ich brauchte Hilfe, und zwar ganz schnell.

 

Unsere Familiensituation war damals mehr als schwierig. Meine Mutter leidet, so vermute ich, unter ADHS und war lange Zeit spielsüchtig. Mein Vater leidet unter einer bipolaren Störung  früher sagte man wohl manisch-depressiv dazu  und war zu dieser Zeit am tiefsten Punkt einer manischen Phase angekommen. Außerdem wohnte er damals gar nicht bei uns in der Wohnung. Meine Eltern hatten schon zwei Jahre zuvor entschieden, dass sie nicht mehr miteinander leben wollten. (Inzwischen haben sie sich wieder zusammengetan und sogar wieder geheiratet.) Daraufhin ist meine Mutter mit uns Kindern in unserer Familienwohnung geblieben, mein Vater ist ein Stockwerk tiefer gezogen. Dort lebte er mehr schlecht als recht in einer Einzimmerwohnung. Wenn seine psychischen Probleme zu groß wurden, lag er in dem abgedunkelten Zimmer im Bett, neben sich ein Rucksack voller Tabletten, hauptsächlich Psychopharmaka. Meine Tante kam ab und zu mal vorbei, um bei ihm zu putzen. Und ich besuchte ihn auch ziemlich oft. Wenn es oben zu laut und hektisch wurde oder wenn es Streit gab, zog ich eine Weile zu ihm. An diesem letzten Abend habe ich bei ihm noch ein Computerspiel gespielt: einen Bus-Simulator, mit dem ich durch New York City fuhr. Ich kann mich an vieles an diesem Abend nicht mehr gut erinnern, aber dieses Computerspiel sehe ich noch ganz genau vor mir.

Die Situation meiner Eltern war also schon ziemlich schwierig. Beide waren nicht in der Lage zu arbeiten, hatten nie wirklich gearbeitet, lebten von Hartz IV und trieben haltlos durch einen chaotischen Alltag, der keine Struktur hatte. Und dann war da noch mein Zwillingsbruder Niklas. Er lebte eigentlich auch nicht bei uns, sondern war schon seit zwei Jahren in einer Spezialeinrichtung für Kinder mit besonderem Förderungsbedarf untergebracht. Auch davor hatte er einige Tageseinrichtungen durchlaufen, weil meine Mutter nicht mit ihm zurechtkam und weil seine Schulprobleme zu groß geworden sind. Im Sommer 2012 wohnte er aber gerade bei uns, weil er einen Fahrradunfal