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Main Data
Author: Robby Clemens
Title: Bis ans Ende der Welt und zu mir selbst Zu Fuß vom Nordpol Richtung Südpol
Publisher: Piper Verlag
ISBN/ISSN: 9783492995221
Edition: 1
Price: CHF 15.10
Publication date: 01/01/2019
Content
Category: Biografien
Language: German
Technical Data
Pages: 272
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Der 'deutsche Forrest Gump' (FOCUS online) auf seinem größten Abenteuer Ein Traum wird wahr: 23000 Kilometer, 611 Tage, 15 Länder. Der passionierte Läufer Robby Clemens bricht im April 2017 bei minus 45 Grad vom Nordpol Richtung Südpol auf. Seine Route führt ihn durch die Wildnis Kanadas über die Wüsten Mexikos und das peruanische Hochland bis nach Patagonien. Und am Tor zur Antarktis muss er sich entscheiden, ob er sein Ziel um jeden Preis erreichen will ... Denn nicht die Jagd nach Rekorden, sondern die Begegnungen mit den Menschen treiben ihn an. Er möchte ihnen zeigen, warum Laufen die beste Art der Fortbewegung ist - und davon berichten, wie es ihn gerettet hat, als er alkoholabhängig und völlig bankrott am Abgrund stand. Ein hoch emotionales Abenteuer, das zeigt, wie Laufen das Leben verändern kann.

Robby Clemens, geboren 1961, ist Extremsportler und Motivationscoach. Vor über zwanzig Jahren gelang ihm mithilfe des Laufens der Ausweg aus einer schweren Alkohol- und Nikotinsucht. Nach seinem ersten Marathon im Jahr 2000 folgten zahlreiche Benefizläufe für krebskranke und kriegsgeschädigte Kinder. 2007 umrundete er in 311 Tagen, über 13000 Kilometer die Welt. Er lebt mit seiner Familie bei Leipzig.
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2 Hohenmölsen I


Badewannen und Zigarettenstummel


Bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr hatte ich noch nicht viel von der Welt gesehen. Als Jugendlicher war ich mit der Familie hin und wieder am Balaton gewesen, ansonsten war meine Landkarte weiß. Ich bin im Osten Sachsen-Anhalts aufgewachsen: Hohenmölsen, das Herz der DDR. Zumindest für mich damals.

Flankiert wurde die Stadt von den großen Tagebaugruben Profen und Pirkau, die umliegenden Ortschaften hatten Namen wie Groitzsch, Neukieritzsch oder Großkorbetha. Im Sommer roch die Luft nach Stroh, im Winter nach Kohle. Tiefste sachsen-anhaltinische Provinz.

Meine Mutter war in Karlsbad, Böhmen, geboren. Doch nach dem Krieg hatte man sie und ihre Familie vertrieben. Gemeinsam mit einigen anderen Deutschen wurden sie in einen Viehwagen gesperrt und fortgeschafft. Nächster Halt: Hohenmölsen. Familie Clemens, die Linie meines Vaters, war dagegen urhohenmölsisch. Generationen von Schmieden und Braunkohlekumpeln. Mutter und Vater trafen sich zum ersten Mal beim Tanzen: im Gasthof Lubert. Der Eintritt betrug damals ein paar Barren Brikett, um den Saal zu beheizen, doch die beiden entfachten ein ganz anderes Feuer. Elf Jahre später zeugten sie mich.

Ich besuchte die Hohenmölsener Krippe, den Hohenmölsener Kindergarten, die Unter- und Oberstufe der Polytechnischen Oberschule Hohenmölsen, ein Leben auf 75 Quadratkilometern. Nachdem ich meinen Schulabschluss erlangt hatte, machte ich eine Lehre zum Installateur; Gas, Wasser, Heizung. Die Ausbildung absolvierte ich bei der Produktionsgenossenschaft der Handwerker, mein oberster Chef war mein eigener Vater. Die Arbeit lag mir. Ich hatte Spaß am Lernen, vor allem aber liebte ich die Hausbesuche. Wenn man damals als Handwerker in einen Familienhaushalt kam, ließ die Arbeit für gewöhnlich erst mal auf sich warten. Zunächst wurde gefrühstückt. Und ich meine ein richtiges, zünftiges Mahl, keinen lauwarmen Kaffee, der einem hastig im Badezimmer auf den Rand des Waschbeckens gestellt wurde. Man kam ins Gespräch, tauschte sich über Gott und die Welt aus. Wenn ich beim Fleischer einen Abfluss zu wechseln hatte, bekam ich einen Rucksack voller Würste mit nach Hause. Eine der Kehrseiten der Arbeit war zwar, dass wir häufig am Wochenende ausrücken mussten, doch ich wusste, je mehr ich arbeitete, desto mehr Geld würde ich verdienen  und das war nicht unbedingt üblich in der DDR.

1986, sechs Jahre nach der abgeschlossenen Lehre, übernahm ich einen eigenen Betrieb. Bald hatte ich zwei Angestellte, dazu einen Lehrling, und kümmerte mich fast nur noch um die An- und Verkäufe. Das Geschäft bestand damals noch zum größten Teil aus Handeln und Feilschen, »Kompensationsgeschäfte« nannte man das. Frühmorgens fuhr ich mit einem großen Stück Schinken auf dem Beifahrersitz meines Ladas los, und abends kam ich mit einem Auto voller Badewannen, Armaturen, Heizkörper und Waschbecken zurück. Den Schinken bekam ich hin und wieder von meinem Schwager, der Fleischer war, und gleich auf meiner ersten Station, Reichenbach im Vogtland, konnte ich einen beträchtlichen Teil davon gegen einige Kisten Wernesgrüner Bier eintauschen. Wernesgrüner war flüssiges Gold damals, fast so schwer zu bekommen wie Radeberger. Mit dem erhandelten Bier fuhr ich nun nach Wallhausen, wo ich es gegen farbige Wasch- oder Klobecken tauschte. Anschließend fuhr ich nach Eisenberg, um mit der erhaltenen Ware verchromte Armaturen zu erha