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Main Data
Author: Wednesday Martin
Title: Untrue Warum fast alles, was wir über weibliche Untreue zu wissen glauben, unwahr ist
Publisher: Berlin Verlag
ISBN/ISSN: 9783827079978
Edition: 1
Price: CHF 18.00
Publication date: 01/01/2019
Content
Category: Biografien
Language: German
Technical Data
Pages: 432
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
'Ich will Sex die ganze Nacht - nur nicht mit meinem Mann.' Von der antiken Tragödie bis hin zu Netflix-Serien und Popsongs - Frauen, die untreu sind, werden diffamiert. In dieser Kulturgeschichte des Seitensprungs geht Wednesday Martin jahrhundertealten Vorurteilen auf den Grund. Auf unterhaltsame Weise verbindet sie Sozialwissenschaften mit Interviews mit Sexualwissenschaftlern, Anthropologen und Frauen aus allen Lebensbereichen. Jüngste Untersuchungen deuten darauf hin, dass Frauen mehr Probleme mit sexueller Exklusivität haben als Männer. Martin gelangt zu der Auffassung, dass die sexuelle Autonomie von Frauen das ultimative Maß der Geschlechtergerechtigkeit ist. Eine zeitgemäße Darstellung weiblicher Untreue, die alles auf den Kopf stellt, was wir über Frauen und Sex zu wissen meinen.

Wednesday Martin ist Anthropologin und Sozialforscherin, studierte in Yale und lehrte an der New School for Social Research in New York. Sie ist verheiratet, hat zwei leibliche und zwei Stiefkinder und lebt mit ihrer Familie in New York City. Als Journalistin und Autorin schreibt sie vor allem über Themen wie Familie, Gender und Popkultur. Ihre Beiträge erscheinen u. a. in The New York Times, The Daily Telegraph und Psychology Today.
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Erstes Kapitel


Entfessle deinen Geist

Was zieht man bloß an zu einem ganztägigen Workshop zur einvernehmlichen Nichtmonogamie?

Es war ein typisch freudloser Vorfrühlingsmorgen in Manhattan, verregneter und kälter als erhofft. Der Kurs, an dem ich teilnahm, war eigentlich auf Psychotherapeuten zugeschnitten, aber gegen einen Obolus von 190 Dollar waren auch neugierige Autorinnen und Durchschnittsbürgerinnen wie ich willkommen.

Vielleicht machte ich mir auch zu viele Gedanken, als ich so vor meinem überquellenden Kleiderschrank stand und die Möglichkeiten durchspielte. Doch dieses dringende Bedürfnis, nicht nur etwas Angemessenes zu tragen, sondern sich auch angemessen und zugleich ein klein wenig rebellisch zu geben, erinnerte mich an den ständigen Tauschhandel mit uns selbst, in den wir uns stürzen, wenn es um Monogamie geht.

Ich starrte auf all die Blusen, Hosen und Kleider und dachte an unsere großen und kleinen Zugeständnisse und an den gewaltigsten Handel überhaupt: den, bei dem wir die totale, schwindelerregende sexuelle Autonomie und Selbstbestimmtheit gegen die Sicherheit der Zweisamkeit eintauschen. Dieses Mysterium  ich muss jenen Teil von mir auslöschen, der sich nach einem ganzen Universum aus anderen verzehrt, und erkaufe mir damit das Vermögen, Kinder aufzuziehen, zu arbeiten und die Nacht durchzuschlafen, ohne mich mit der Frage herumzuquälen, was du, mein ein und einziger Anderer, wohl gerade so treibst, wenn wir nicht beisammen sind  ist das schlagende, klagende Herz von Freuds Das Unbehagen in der Kultur und noch vielem anderen, was über das Eingehen der lebenslangen Paarbindung geschrieben worden ist.[21] Die Libido muss aufgegeben oder bezähmt werden, um der Stabilität willen. Irgendwie unterstellen wir, dieser Akt sei gewissermaßen ein entwicklungsgemäßer Imperativ, das Gütesiegel der Reife und Gesundheit, und dass er überdies Frauen leichterfalle, dass er ihrer »Natur« entgegenkomme.

War dieser Kompromiss, samt seinen stillschweigenden Annahmen über Geschlecht und Begehren, auf irgendeine Weise vermeidbar? Heute würde ich vielleicht etwas Neues lernen, von Menschen, die versucht haben, ihn zu umschiffen. Ich hatte sie schon regelrecht vor Augen, die wissent- und willentlich Nichtmonogamen und ihre Helfer vor Ort  Ninjas in scharfen schwarzen Jumpsuits und Aviator-Sonnenbrillen, verstohlen, geschult in Selbstverteidigung und von außerordentlicher körperlicher Geschmeidigkeit.

Ich entschied mich schließlich für eine geblümte Bluse, einen roten Mantel und schwarze Jeans. In letzter Minute schminkte ich mir noch die Lippen knallrot, weil es Freitag war und ich zu einem Workshop über einvernehmliche Nichtmonogamie ging, auch wenn ich den Begriff jedes Mal, wenn ich jemandem davon erzählte, zu einem Workshop für »nicht einvernehmliche Monogamie« verballhornte.

»Das lässt tief blicken«, hatte eine befreundete Psychoanalytikerin gescherzt, als ich mir beim Plaudern wieder meinen Wortverdreher geleistet hatte. Sie hätte sich gern selbst angemeldet, aber zu viel zu tun. »Bitte bring mir einen Haufen anonymer Begegnungen mit!«, schrieb mir am bewussten Morgen eine andere Seelenklempnerfreundin, die es aus dem gleichen Grund nicht geschafft hatte, augenzwinkernd Psychiater, die Swingern helfen, mit Swingern gleichsetzend. Und