Login
 
Main Data
Author: Beatrix Langner
Title: »Übermächtiges Glück« Die Liebesgeschichte von Hölderlin und Diotima
Publisher: Insel Verlag
ISBN/ISSN: 9783458765899
Edition: 1
Price: CHF 14.00
Publication date: 01/01/2020
Content
Category: Biografien
Language: German
Technical Data
Pages: 224
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Im Jahr 1796 trifft der Dichter Friedrich Hölderlin auf Suzette Gontard. Die Frau eines Frankfurter Bankiers suchte nach einem Hauslehrer für ihre vier Kinder. Diese Begegnung ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Drei Jahre leben sie unter einem Dach, treffen sich heimlich, tauschen Briefe, zögern die unvermeidliche Trennung immer wieder hinaus. Als Suzette 1802 überraschend stirbt, stürzt dies den Dichter in eine Lebenskrise, von der er sich nie ganz erholen wird. Seiner großen Liebe setzt er in der Gestalt der Diotima in seinem Roman Hyperion oder Der Eremit in Griechenland ein Denkmal.
Mit Empathie und Genauigkeit erweckt Beatrix Langner die intensive Amour fou im Hause Gontard zum Leben, füllt sie mit Briefen, Tagebucheintragungen und Szenen aus dem Alltag und zeichnet so die dramatische Liebesgeschichte von Hölderlin und seiner Diotima nach.

<p>Beatrix Langner, geboren 1950 in Berlin, ist Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin und Autorin zahlreicher literarischer Biografien, Essays, Hörspiele und Feuilletons.</p>
Table of contents

Das Fest


Die Fenster sind beschlagen. Der Gartensaal ist von hundert Kerzen taghell erleuchtet. Feine Wolken von Patschouli, Haarpuder und Zigarrenrauch, der neuesten Mode aus Hamburg, schweben durch die weitgeöffneten Türen herein.

Es ist der 9. Februar 1796. Suzette Gontard-Borkenstein feiert ihren 27. Geburtstag.

Was in Frankfurt den Namen Gontard im Stammbaum trägt, sortiert sich umständlich nach Paaren. Neben Dame Borkenstein ihr Gatte Jakob Friedrich und Schwiegermutter Susanna Maria d'Orville, dann Jakobs Tanten Henriette und Cäcilie mit den Onkeln Alexander und Heinrich, die jüngeren Paare Neufville und Wichelhausen, Schönemann, Gogel und Manskopf, die Cousins Brevillier und duFay, Cousine Sophie mit ihrem Gatten Herrn Dollfuß, ihre unverheiratete Schwester Demoiselle Marianne, übrigens eine große Verehrerin der Königin Luise von Preußen, und Jakobs ältere Schwester Demoiselle Margaretha mit ihren Tischherrn Louis und Fritz Gontard. Zusammen an die vierzig Personen. Ganz unten, am anderen Ende der Tafel, die neun Gontard-Kinder mit ihren Gouvernanten und den neuen Hofmeistern, Monsieur Klitscher von Breslau, der Hauslehrer der Wichelhausen-Kinder, Magister Friedrich Hölderlin, von Nürtingen, der Erzieher des kleinen Borkenstein.

Alles geht nach französischer Sitte im Weißen Hirsch. Vor dem Essen werden silberne Schalen und warme Tücher zum Reinigen der Hände vorgelegt. Bei Madame d'Orville wird noch altfranzösisch von Zinngeschirr gegessen. Schwiegertochter Suzette zieht die zerbrechlichen englischen Fayencen vor. Neben bestickten Servietten aus feinem schlesischen Leinen prunken Leuchter von getriebenem Silber und schweres Besteck aus London, Weingläser und Flaschen aus venezianischem Glas auf Veroneser Damasttüchern. Acht Schüsseln, mindestens, gepökelte Rinderbrust, dazu Gratin Dauphinois, grüne Frankfurter Sauce mit Kerbel und Sauerampfer, mehrere Gemüse, dunkelrote Weine von den Ufern der Garonne, eingelegte Rumfrüchte, zum Abschluss vielleicht petits fours oder Eis mit frischen Ananas, die man von Berlin kommen lässt.

1Porträtminiatur Jakob Friedrich Gontard

Nach dem Essen versammeln sich die Herren zum Rauchen im Salon. Monsieur Hölderlin ist aufgefordert, von den Erfolgen seines Zöglings zu berichten.

Jugendlich weiche Gesichtszüge, fein gezeichnete Augenbrauen, die Augen braun. Man könnte ihn schön nennen, hochgewachsen, das sorgfältig gebundene schneeweiße Krawattentuch über dem schlichten schwarzen Rock, das ungepuderte, dunkle Haar modisch kurz geschnitten.

Herr Gontard solle keine Wunder erwarten.

Die Stimme klangvoll.

Man wisse doch, dass die Natur sich stufenweise entwickelt und den Grad und den Gehalt der Kräfte unter die Individuen verteilt habe. Er könne nach kaum fünf Wochen nicht viel sagen.

Das Gespräch, mühsam begonnen, schlingert.

Ob Herr Hölderlin sagen wolle, dass sein Henry ein Dummkopf sei. Das rechte Auge, täuschend echt aus Glas nachgebildet, blickt streng auf den Mann vor ihm, und auch das andere, gesunde, scheint ein wenig verrutscht.

Er habe nur sagen wollen, Henry sei ein gutes Kind, fährt der Hauslehrer fort, für sein Alter unbefangen, reine Natur, dabei gänzlich ohne Roheit, wie er gleich gesehen habe. Als sein Erzieher könne er auf keine anderen Verdienste rechnen, als allmählich die natürlichen Anlagen des Knaben hervorzulocken. Für den Anfang werde es genügen, ihm Geschichten zu erzählen, die er mit seinem weichen Gemüt begreifen könne. Er habe auch schon einen Anfang mit dem Homer und Hesiod gemacht.

Die alten Griechen also.

Die Wiege der Menschheit, ja.

Der Herr Hölderlin müsse dem Rest der Menschheit aber auch noch ein paar Verdienste lassen, schließlich habe jeder, der ihr nützlich geworden ist, zu ihrem Fortschritt beigetragen. Und was bedeute das Verdienst derer, die uns die Ilias und die Odyssee geschenkt haben, gegen jene, denen wir die Kartoffel, das Spinnrad und den Urmeter verdanken.

Ich glaube, meint Hölderlin fest, dass die Geschichte besserer Zeiten die Welt des Kindes werden kann, wenn sie mit Auswahl und einer Darstellung behandelt wird, wie sie dem Kinde überhaupt und dem Individuum angemessen ist, das ich vor mir habe. Es wäre ja außerdem, setzt er hinzu, nicht um die Geschichte, sondern um ihre Wirkung aufs Herz zu tun. Dazu etwas Geographie, Pflanzenkunde, Arithmetik, um den natürlichen Nachahmungstrieb, den Neuigkeitstrieb zu benutzen. Wenn das Kind täglich bemerken kann, wie die Arithmetik ein wesentlicher Bestandteil nützlicher Beschäftigungen ist, so wird es auch wohl gerne so etwas treiben. So sei es mit Madame Gontard besprochen.

D'accord. Das Rechnen ist ihm in die Wiege gelegt, die Gontards sind Handelsleute, und Henry wird Kaufmann werden wie sein Vater, seine Onkel und Großväter. Im Übrigen verstehe er von Kindererziehung wenig, versichert Herr Jakob Friedrich, das sei Sache seiner Frau, und er sei überzeugt, dass Madame den Erziehungsplan des Herrn Hölderlin gewissenhaft geprüft haben wird.

Hölderlin versteht den Wink. Die Rede ist nun vom Geschäftlichen. Drei Jahre Krieg, und die Nachfrage sinkt ins Bodenlose, die Magazine sind bis unters Dach gefüllt, die Aktiva eingeschmolzen. Wer kauft in diesen Zeiten.

Die Franzosen haben so viel Kontributionen aus den Reichsstädten gepresst, dass es fast ein Wunder ist, dass von den Frankfurter Häusern noch keines gefallen ist.

Niemand denke doch, dass die Gefahr für Frankfurt mit dem jüngsten Waffenstillstand vorüber sei. Der Frieden wird wieder nur den Tollköpfen in Paris nützen, die Revolution ist banquerotte, wie jedermann weiß, ihre Armeen sind zerlumpt, ihre Kriegskassen leer. Sie brauchen diese Atempause.

Der Magistrat hat dem kaiserlichen Oberbefehlshaber der Niederrhein-Armeen, Generalfeldmarschall Clerfait, das hiesige Bürgerrecht angeboten. Natürlich hat er angenommen. Habsburgs Schicksal liegt in Frankfurts Händen; der Kaiser Franz schuldet Herrn Bankier Bethmann jetzt schon an die vier Millionen.

Aber Frankfurts Schicksal liegt auch in kaiserlichen Händen, seit die Preußen ihren Separatfrieden geschlossen und die Reichsstädter im Stich gelassen haben.

Herr Bethmann kann jedenfalls ruhig schlafen. Die sogenannten Bethmännischen Obligationen haben sich auf die Nachricht von der Waffenruhe 4% gebessert.

Wer jetzt verkauft, macht ein Vermögen.

Aber Messieurs, wir sind zuerst Patrioten und dann Handelsleute. Wo ständen die koalierten Armeen ohne uns.

Madame Gontard d'Orville, seit fünfzehn Jahren Witwe des Kaufmanns und einstigen Vorstehers der Frankfurter Kaufmannschaft Daniel Andreas Gontard, in ihrer Jugend eine dunkeläugige Schönheit, Spitzenmantille über ausladender Robe aus Samt und Brokat, Brillant- und Perlenschmuck, repräsentiert stolze Wohlhabenheit im Kreis einer zahlreichen Nachkommenschaft. Drei Söhne, Jakob und Franz, der älteste starb im Kindesalter, und drei Töchter hat sie geboren. Die erste, Helene, heiratete den Kaufmann Manskopf, die zweite, Marie, Herrn Schönemann, den Bruder von Goethes Jugendliebe Lili.

Die jüngeren Frauen stehen in Gruppen zusammen, ihre Kleider nach der neuesten Pariser Mode à la grecque geschnitten, ohne Taille, unter der Brust zusammengehalten von bestickten Bändern, zart herabfließende, durchsichtige weiße Musselinstoffe, der entblößte Hals schmucklos, Schlichtheit, Natur, täuschende Nacktheit. Griechinnen in Haltung und Gebärde. Die Künstlichkeit der Gesten, die Feinheit und Liebenswürdigkeit der Manieren sind sorgfältig inszeniert, jede spontane Regung des Gefühls wird sogleich von der Convention überwältigt. Das höfische Rokoko hat ihre Sinne geweckt, die bürgerliche Aufklärung legt ihnen wieder Zügel an. Als unfein galt es, sein Innerstes nach außen zu kehren; unschicklich war, wer von sich selbst in Gesellschaft anderer zu sprechen anfing. Die Innenräume der vornehmsten Häuser sind von unsichtbaren Linien durchzogen, die zu übertreten niemand wagen würde. Natur war Künstlichkeit und Künstlichkeit zur zweiten Natur geworden. Der Geschmack jener Zeit ist erzogen an den mythologischen Idyllen des Antoine Watteau, den antikisierenden Frauenbildern der Angelika Kauffmann, an...