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Main Data
Author: Hannes Wader
Title: Trotz alledem Mein Leben - Mit exklusivem Fotomaterial
Publisher: Penguin Verlag
ISBN/ISSN: 9783641212971
Edition: 1
Price: CHF 22.00
Publication date: 01/01/2019
Content
Category: Biografien
Language: German
Technical Data
Pages: 592
Kopierschutz: DRM
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Zwischen Politik und Poesie: Ein bewegendes Zeitzeugnis der Bundesrepublik
'Trotz alledem': Hannes Waders Lebensgeschichte ist Arbeiterlied, Folksong und großer deutscher Gesellschaftsroman zugleich, geschrieben vom legendären Songwriter selbst. Kraftvoll, berührend, episch und poetisch wie in seinen Liedern erzählt Hannes Wader, was ihn und seine Musik geprägt hat: Nachkriegszeit auf dem Land, 68er-Jahre in Berlin, Deutscher Herbst, Friedensbewegung, der Kampf für eine gerechtere Welt und der Abschied von Illusionen. Ein Leben unter Frauen und Künstlern, mit Hunden und Pferden, Georges Brassens und Bob Dylan. Dieses Buch ist durch und durch Wader: direkt und aufrichtig, humorvoll, sarkastisch und nachdenklich-kritisch, voller Achtung für alle, die von einer besseren Welt träumen und für sie handeln.


Hannes Wader, geboren 1942 in Bethel bei Bielefeld in Ostwestfalen, widmete sich nach einer Lehre als Dekorateur und einem abgebrochenen Grafikstudium in Bielefeld und Berlin ganz der Musik. Der Komponist, Texter, Sänger und Gitarrist gehört zu den bekanntesten deutschen Songwritern. Er veröffentlichte 35 Studio- und Live-Alben, von 'Hannes Wader singt' (1969), '7 Lieder' (1972), 'Plattdeutsche Lieder' (1974), 'Es ist an der Zeit' (1980) bis zu 'Macht's gut' (2018). 2013 wurde er mit dem Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Hannes Wader lebt in Kassel.
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Schwein gehabt

Mal schwächer, mal stärker spürbar, wird mich ein Grundgefühl der Verlassenheit und Traurigkeit durch meine Kindheit  ja, mein ganzes Leben hindurch  begleiten. Überempfindlich und unfähig, das, was um mich herum geschieht, als getrennt von mir betrachten und erleben zu können, beziehe ich alle Ereignisse unmittelbar und ungefiltert, ohne eine innere, die Wucht der Eindrücke mildernde Pufferzone, auf mich. Dann diese nur selten »sprühende«, eher quälend langsame, aber unausgesetzt und ruhelos, sogar noch im Schlaf arbeitende, sich ziellos in alle Richtungen zerfasernde und zerfließende Fantasie.

In und mit diesem Zustand lebe ich nun schon so lange, dass ich ihn inzwischen als Teil meiner selbst akzeptiere. Dabei bewundere ich meditationserfahrene, spirituell begabte Menschen, Meister der Entrückung und der hohen Kunst, ihr Hirn zumindest zeitweilig von jeglichem Gedankenmüll zu leeren. Ich selbst habe das nie gelernt, obwohl mir doch als Künstler eine spirituellere Weltsicht entsprechen und der Zugang zu ihr nicht schwerfallen sollte  tut es aber. Vielleicht kann ich das ja noch nachholen. Nun bin ich aber kein Anhänger des Axioms, dass der Mensch bis zu seinem Ende nicht nur lernen und sich weiterentwickeln kann, sondern muss. Ich möchte im Alter eher meine Ruhe haben. Die Vorstellung, mich noch auf dem Sterbebett in meinen letzten Zügen, röchelnd weiterentwickeln zu sollen, betrachte ich als Zumutung. Seit einigen Jahrzehnten behelfe ich mich, um Stress abzubauen und Energien zu bündeln, mit gelegentlichem autogenen Training. Manchmal hilft es, manchmal nicht.

Erst als junger Erwachsener erlebe ich  was ich im Songtext »Der Büffel« schon als Ahnung anklingen lasse  das Gefühl, die wüst, aber gleichzeitig träge umherwirbelnden Ideen und inneren Bilder sortieren, ihnen Struktur und Gestalt geben zu können.

Gern würde ich für eine bildhafte Darstellung dieser Vorgänge, wie sie sich in meinem Geist abspielen, mit all den Gedankenfetzen und Impulsen, die durch den Mikrokosmos meines Gehirns vagabundieren, als Metaphern Sternenstaub und Meteoritensplitter heranziehen, die das Weltall mit vieltausendfacher Lichtgeschwindigkeit so lange durchrasen, bis sie sich zu einem neuen Planeten verdichten. Nur hat noch nie etwas in kosmischen Tempi mein Gehirn durchrast. Es dümpelt alles immer nur, trotzdem verdichtet es sich da manchmal auch zu Etwas, muss ja nicht gleich ein Planet sein. Deswegen will ich mich darüber auch nicht beklagen; habe ich mich doch inzwischen, spätestens nach der Lektüre von Sten Nadolnys großartigem Roman »Die Entdeckung der Langsamkeit«, mit meiner eigenen längst versöhnt.

Dabei kommt mir ein Spruch auf westfälisch Platt, den ich wohl nicht übersetzen muss, in den Sinn: »Langsam Patt kümmt auk naa Stadt.«

Nun kann ich mir aber denken, dass mein Verhalten, besonders während meiner ersten fünf Lebensjahre, mein sich dauernd am Rand der Panik befindender Zustand, von den Menschen, die mich umgeben, als sehr anstrengend empfunden wird.

»Stell dich doch nicht so an, du alte Heulsuse«, bekomme ich oft zu hören. Meine Schwester Ulla antwortete noch kürzlich auf die Frage eines Bekannten, wie ihr Bruder denn so als Kind gewesen sei: »Na j