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Hauptdaten
Autor: Jens Hoffmann, Nils Böckler
Titel: Von Hass erfüllt Warum Menschen zu Terroristen und Amokläufern werden
Verlag: mvg Verlag
ISBN/ISSN: 9783864159664
Auflage: 1
Preis : CHF 13.50
Erscheinungsdatum:
Inhalt
Kategorie: Politik, Gesellschaft, Arbeit
Sprache: German
Technische Daten
Seiten: 224
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Inhaltsangabe
Was macht aus einem Menschen einen Terroristen und wie ticken Selbstmordattentäter? Auf diese drängenden Fragen unserer Zeit liefern die Experten Dr. Jens Hoffmann und Diplom-Pädagoge Nils Böckler in ihrem beindruckenden Buch nun erstmals konkrete Antworten. Sie erklären an realen Fallbeispielen, wie junge Menschen sich über das Internet radikalisieren und mit welchen perfiden Methoden der Islamische Staat oder Al Qaida diese Prozesse noch beschleunigen. Hoffmann und Böckler haben sich in die Gedankenwelt radikalisierter jugendlicher Syrien-Reisender ebenso vorgearbeitet, wie in die eines Anders Breivik. Sie behandeln die Aktionen des NSU ebenso wie die psychologischen Hintergründe der Anschläge von Paris oder Brüssel. Außerdem zeigen sie, dass das Phänomen terroristischer Einzeltäter nicht nur eines der jüngeren Zeit ist, sondern schon seit Jahrzehnten eine Geißel auch der demokratischen Gesellschaften darstellt. Und wer wusste bisher schon, dass das erste Attentat im Namen des Dschihad bereits 1915 in Australien begangen wurde - von zwei Männern, deren Motivation erstaunliche Parallelen zu den Terroristen von heute aufweist.

Dr. Jens Hoffmann ist Kriminalpsychologe und Experte für Profiling. Er leitet das Institut für Psychologie & Bedrohungsmanagement (I:P:Bm) und ist einer der Geschäftsführer des 'Team Psychologie & Sicherheit', einem Verbund von Kriminal- und ehemaligen Polizeipsychologen, die Unternehmen, Behörden und Personen des öffentlichen Lebens zum Thema Sicherheit beraten. Im Juni 2002 wurde er von EUROPOL in die Experten-Datenbank für europäische Polizeikräfte aufgenommen. Nils Böckler ist Diplom-Pädagoge und ebenfalls Mitarbeiter am Institut für Psychologie & Bedrohungsmanagement sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Sein Forschungsschwerpunkt liegt bei Radikalisierungsprozessen terroristischer Einzeltäter und autonomer Zellen. Ein weiterer wichtiger Tätigkeitsbereich besteht in der Gewalt- und Jugendforschung. Er hat besonders zum Thema 'School Shootings' sowie Extremismus und Hass in virtuellen Netzwerken gearbeitet und veröffentlicht.
Inhaltsangabe

II


Die Logik des Terrors


1


Wie Radikalisierung funktioniert


Der Fall des Arid U. ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Radikalisierung eines Menschen ablaufen kann. Arid hatte Probleme in der Schule, es gab Probleme in der Familie, außerdem litt er unter seiner Antriebslosigkeit. Die Beschäftigung mit der Religion gab ihm die Möglichkeit, von seinen persönlichen Missständen Abstand zu gewinnen und seine Aufmerksamkeit auf jenes Unrecht zu richten, unter dem die weltweite muslimische Community  die Umma  zu leiden hatte. Seine Frustrationen konnte er auf die moralische Empörung über diese Ungerechtigkeit umlenken. Er fokussierte sich auf den Umstand, dass es in der Welt Dinge gebe, die sich noch viel schlimmer darstellten als sein eigenes Leben. Gegen diese Dinge hatte er aber das Gefühl, etwas tun zu können, vor allem für die muslimische Gemeinschaft zu kämpfen.

Am Ende eines solchen Radikalisierungsprozesses steht die absolute Fixierung auf die Pflicht zum Kampf. Eine Pflicht, die auch in jenem Naschid zum Ausdruck gebracht wurde, das Arid auf dem Weg zu dem späteren Tatort über seinen iPod hörte. Denn auch dort gibt es eine Textzeile, die genau das zum Ausdruck bringt. Diese Textzeile lautet: »Die unerfüllte Pflicht, sie ließ mir keine Ruhe.« Diese Worte machen deutlich, wie die Propaganda exremistischer Gruppen dahinter konstruiert ist. Es geht zunächst darum, den potenziellen Rekruten an die Ideologie zu binden, in ihm ein Interesse zu erzeugen, sich mit den Inhalten vertraut zu machen. Dann gibt es Inhalte, die es als eine Notwenigkeit vermitteln, dass ein jeder sich einbringe.

Arids Geschichte zeichnet einen kontinuierlich voranschreitenden Radikalisierungsprozess nach. Da waren zum einen seine Chatbotschaften, in denen er Gewalt als Form der Verteidigung und der Lobpreisung legitimierte. Hinzu kam sein Wunsch, selbst nach Afghanistan oder in den Irak zu gehen, und seine Faszination für das Märtyrertum. Als Ergänzung lässt sich noch die zunehmende Intoleranz gegenüber der westlichen Lebensweise anführen  so hatte er von den Propagandisten gelernt, dass die gesamte westliche Welt gegen den Islam hetze. Er ließ sich bald jegliches Handeln durch die heilige Schrift legitimieren oder vorgeben.

In diesem Zusammenhang müssen auch sogenannte Rechtsgutachten erwähnt werden, die unter anderem im islamistischen Umfeld von dschihadistischen Ideologen verfasst werden. Diese sogenannten Fatwas liefern für jegliches Verhalten vermeintlich ideologisch fundierte Regeln und Auskünfte. Da heißt es dann etwa, warum es die Ungläubigen zu töten gilt. Wenn sich jemand von einer solchen rigiden Auslegung angesprochen fühlt, weil sie ihm eine gewisse Struktur und Sicherheit liefert  schließlich erfährt die Person hier ganz genau, was sie tun darf und was nicht , ist dies ein hervorragender Anknüpfungspunkt für die Rekruteure extremistischer Gruppierungen. Arid U. ließ sich von derlei Inhalten online zu Kommentaren verleiten, wie etwa dem, dass er die Ungläubigen »messern« werde. Auch in den Multiplayer-Computerspielen, die er online spielte, brachte er via Chat entsprechende Kommentare ein.

Und es muss noch einmal wiederholt werden: Die persönliche Entwicklung und die Tat beruhten bei Arid  und auch bei anderen  fast ausschließlich auf Erfahrungen, die er im Internet gemacht hatte, sowie auf vermeintlichem Wissen, das er sich im Netz angeeignet hatte. Diese Onlinewelt hatte bei der Radikalisierung des Arid U. einen hohen Anteil, persönliche Kontakte dagegen spielten zumindest anfangs eine wohl eher untergeordnete Rolle.

Schließlich ist für den Zugang zu der Persönlichkeit eines Arid U. auch der Umstand wichtig, dass er Probleme damit hatte, auf andere Menschen zuzugehen. Das Internet gab ihm eine immer stärker werdende Sicherheit im Umgang mit extremistischen Milieus, was ihm schließlich das Selbstvertrauen gab, tatsächlich persönlich in verschiedene Moscheen zu gehen und an Islam-Seminaren teilzunehmen.

In Frankfurt gab es eine Moschee, die als radikal einzustufen war und die Arid besuchte. Was ungefähr im Jahr 2007 mit reinem Interesse begonnen hatte, wurde im Laufe der Zeit immer wichtiger für die Funktionsfähigkeit des Menschen Arid U. Er erzählte vor Gericht, seine Antriebslosigkeit sei zeitweise so extrem gewesen, dass er kaum noch die Kraft zum Gebet aufbrachte  dass ihn gerade der Glaube aber auch vor dem Selbstmord bewahrt hatte. Als er schließlich die Schule verließ, sei es ihm wieder besser gegange