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Main Data
Author: Jytte Klausen
Title: Europas muslimische Eliten Wer sie sind und was sie wollen
Publisher: Campus Verlag
ISBN/ISSN: 9783593402376
Edition: 1
Price: CHF 14.70
Publication date: 01/01/2006
Content
Category: Politik, Gesellschaft, Arbeit
Language: German
Technical Data
Pages: 306
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Terroristen und Schläfer, Zwangsehen und Ehrenmorde beherrschen die Schlagzeilen - immer wieder ist von Parallelgesellschaften die Rede. Doch die große Mehrheit der in Europa lebenden Muslime hat mit diesem Bild nichts gemein. Ihre führenden Vertreter kommen in diesem Buch zu Wort.

Jytte Klausen ist Politikwissenschaftlerin an der Brandeis University in Boston/USA und war im Herbst 2004 als Fellow an der American Academy in Berlin. Sie stammt aus Dänemark.
Table of contents
Einleitung: Der Islam in Europa In diesem Buch kommen Parlamentsabgeordnete, Stadträte, Ärzte und Ingenieure, Professoren, Anwälte und Sozialarbeiter, kleine Unternehmer, Übersetzer sowie Aktivisten aus den Kommunen zu Wort. Sie alle sind Muslime, die sich zu einem Engagement in politischen und zivilgesellschaftlichen Organisationen entschlossen haben. Sie zählen zur neuen politischen Elite der Muslime in Europa. Aus diesem Grund stehen sie unter ständigem Rechtfertigungszwang, vor allem, um zu erklären, wer sie nicht sind. Sie sind weder Fundamentalisten noch Terroristen, und die meisten unterstützen die Einführung der islamischen Religionsgesetze in Europa nicht, erst recht nicht ihre Anwendung auf Christen. In diesem Buch geht es darum, wer diese Menschen sind und was sie wollen. Rund 300 Personen befragte ich im Rahmen meiner Untersuchung. Ohne ihre Bereitschaft, sich selbst aufs Neue zu erklären, und dies sehr ausführlich und unter dem Druck meiner mitunter auch undiplomatischen Fragen, wäre dieses Buch nicht möglich gewesen. Viele meiner Gesprächspartner luden mich in ihr Büro oder zu sich nach Hause ein. Andere traf ich in Moscheen, in Cafés oder in Büros, die mir von Freunden überall in Westeuropa zur Verfügung gestellt wurden. Oft dauerten Gespräche, die für eine halbe Stunde angesetzt waren, wesentlich länger. Die ausgewählten Führungspersönlichkeiten leben in Schweden, Dänemark, den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Ich lernte die Parlamentsgebäude dieser sechs Länder kennen. Ich trank Tee im House of Lords und Bier in der niederländischen Tweede Kamer. Ich sah den leeren Saal des schwedischen Riksdagen - die junge Abgeordnete, die mich herumführte, sprach vom langweiligsten Ort in Stockholm - und zwängte mich in ein Büro von der Größe einer geräumigeren Besenkammer im französischen Senat. Dagegen wirkten die vornehmen Büros im Deutschen Bundestag wie der Traum eines jeden Parlamentariers, bis ich herausfand, dass es einer Genehmigung des Architekten bedarf, wenn man den Mülleimer austauschen oder einen zusätzlichen Stuhl aufstellen möchte. Ich wurde zu Kaffee und Kuchen oder zum selbst bereiteten Abendessen eingeladen und erfreute mich herzlicher Gastfreundschaft. 'Sie sind die erste, die hierher kommt und mit uns spricht', hörte ich immer wieder; 'danke, dass Sie gekommen sind.' Einmal wurde ich beschimpft und ein anderes Mal zum Gehen aufgefordert, da meine Anwesenheit als beleidigend empfunden wurde. Abgesehen von diesen beiden einzigen Fällen hießen mich meine Gesprächspartner, auch wenn meine Anwesenheit als ungewöhnlich empfunden wurde, stets willkommen und behandelten mich äußerst zuvorkommend. Meine Gesprächspartner waren überwiegend gemäßigte Muslime, aber ich begegnete auch einzelnen Radikalen. Einmal traf ich bei einem Interview auf einen Gesprächsteilnehmer, der sich selbst als 'gemäßigt' bezeichnet hatte, aber - wie sich später herausstellte - Mitglied der Hamas ist; das erinnerte mich an die gelegentliche Unehrlichkeit der 'alten' Neuen Linken. (Die Hamas, auch als 'Islamische Widerstandsbewegung' bekannt, ist eine palästinensische Gruppe mit einem terroristischen Arm, die im Gazastreifen und in der West Bank agiert. Bei der palästinensischen Parlamentswahl im Januar 2006 erhielt sie 42,9 Prozent der Stimmen. Damit gewann sie mit 74 von 132 Sitzen die parlamentarische Mehrheit.) Ein anderes Mal war ich die einzige Frau unter fünfhundert Männern, als ich in einer umgebauten Fabrikhalle aus dem 19. Jahrhundert dem Freitagsgebet und der chutba, der Freitagspredigt, beiwohnte. Das rote Backsteingebäude lag ganz in der Nähe des Kopenhagener Bezirkes, in dem ich vor dreißig Jahren in einer kostenfreien Unterkunft einen heißen Sommer verbracht hatte, als der Stadtteil von Hausbesetzern übernommen worden war. Die Predigt wurde auf Arabisch und Englisch gehalten, und durch ein Simultandolmetschsystem war eine unzulängliche Übersetzung ins Dänische verfügbar. Was ich hörte, gefiel mir nicht. Aber erst, als ich mich mit dem 'Scheich', wie er genannt werden wollte, traf, wurde mir mulmig zumute. Als ich ihn fragte, wie man mit radikalen Imamen umgehen solle, prangerte er wütend das Versagen der westlichen Demokratien an. Der Islam habe eine gute Chance auf einen Neubeginn in Europa, wenn nur die Europäer ihren eigenen Menschenrechtsbestimmungen gerecht würden, die sie anderen immer predigten, sagte er, und verfiel in eine Schmährede. Durch das Erscheinen meines wissenschaftlichen Mitarbeiters André wurde die Situation entschärft. Danach zeigte mir der Scheich Kopien einer von ihm kurz zuvor durchgeführten Umfrage unter den Moscheemitgliedern. Es sollte herausgefunden werden, was die Teilnehmer des Freitagsgebets von der waqf erwarten. (Eine waqf ist eine islamische Wohltätigkeitsorganisation, aber in diesem Falle wurde der Begriff zur Beschreibung der Moscheegemeinschaft und ihres Leiters benutzt.) Soll sich der Scheich intensiver an den Debatten in den Medien beteiligen? ( Ja) Soll die chutba politische Fragen, von denen Muslime betroffen sind, ansprechen? ( Ja) Die auf Arabisch, Dänisch und Englisch durchgeführte Umfrage würde jeden evangelikalen Prediger in den USA, der seine Fertigkeiten verbessern und seine Gemeinde erweitern möchte, vor Neid erblassen lassen. Die gegenwärtige Furcht in Europa vor radikalen muslimischen Geistlichen wird von Geschichten wie dieser angeheizt, aber in den Zeitungsberichten wird meist unterschlagen, dass eine solch manipulative Politisierung des Islam den Muslimen in der Regel genauso viel Unbehagen bereitet wie mir. Die westeuropäischen Staaten befinden sich in einem Dilemma. Sie beginnen zu erkennen, dass sie Möglichkeiten finden müssen, um die Entwicklung eines unabhängigen Islam in Europa voranzutreiben und finanziell zu unterstützen. Gleichzeitig sind sie mit der Abwanderung zahlreicher Wähler zu ausländerfeindlichen Parteien konfrontiert. Dieses Dilemma ist der Grund für einige widersprüchliche Signale, die Europa aussendet. So hat einerseits das neue Staatsangehörigkeitsrecht die Einbürgerung von Einwanderern in Deutschland erleichtert und die historische Verknüpfung der deutschen Staatsbürgerschaft an die Abstammung aufgeweicht, andererseits haben einige deutsche Bundesländer Kopftuchverbote im Unterricht erlassen und das Anbringen von Kreuzen in Klassenräumen angeordnet, denn Deutschland sei ein 'judäo-christlicher' Staat. In Frankreich dürfen Schülerinnen kein Kopftuch in der Schule tragen. Frankreich bewegt sich auf ein noch umfassenderes Kopftuchverbot zu, während gleichzeitig die Gründung einer Stiftung zur Förderung eines 'französischen Islam' bekannt gegeben wird. Die britische Regierung hat Antiterrorgesetze verabschiedet, die unmittelbar auf Muslime zielen, gleichzeitig aber die Berücksichtigung der Scharia, des islamischen Rechts, vor Gericht in Aussicht gestellt. In diesem brisanten und widersprüchlichen Umfeld errichten Muslime repräsentative Institutionen und beherrschen die Kunst demokratischer Aushandlungsprozesse. Dieses Buch kann der Vielfalt der Reaktionen und den Nuancen der neuen europäischen Islampolitik nicht gerecht werden. Es skizziert aber, wie ich hoffe, die Umrisse der sich abzeichnenden Institutionen, Debatten, Anpassungsprozesse und Konfrontationen, wobei einzelne Zusammenhänge näher erläutert und die wichtigsten übernationalen Unterschiede herausgearbeitet werden.