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Main Data
Author: Daniel Domscheit-Berg, Tina Klopp
Title: Inside WikiLeaks Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt
Publisher: Ullstein
ISBN/ISSN: 9783843700627
Edition: 1
Price: CHF 8.60
Publication date: 01/01/2011
Content
Category: Politik, Gesellschaft, Arbeit
Language: German
Technical Data
Pages: 304
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Daniel Domscheit-Berg war Sprecher von WikiLeaks und neben Julian Assange das einzig bekannte Gesicht der Enthüllungsplattform. In seinem Insider-Report gewährt er tiefe Einblicke in diese verschwiegene Organisation, die weltweit den Mächtigen das Fürchten lehrte. Er erzählt die Geschichte von WikiLeaks, wie sie noch keiner gehört hat.


Daniel Domscheit-Berg, geboren 1978, war unter seinem Pseudonym Daniel Schmitt zweieinhalb Jahre Sprecher für WikiLeaks. In seinem früheren Leben war der Diplom-Informatiker mit Schwerpunkt IT-Sicherheit für große internationale Unternehmen tätig und engagierte sich für Informationsfreiheit und Transparenz im Netz.
Table of contents
Die erste Begegnung (S. 11-12)

Im September 2007 hörte ich das erste Mal von WikiLeaks. Ein guter Kumpel hatte mich darauf angesprochen. Wir lasen damals regelmäßig cryptome.?org, die Website von John Young. Cryptome war unter anderem damit in die Schlagzeilen geraten, dass hier 1999 und 2005 eine Liste mit Namen der Agenten des MI6, des britischen Auslandsgeheimdienstes, veröffentlicht worden war. Cryptome.?org veröffentlichte die Dokumente von Menschen, die Geheimnisse ans Tageslicht bringen wollten, ohne dabei Gefahr zu laufen, als Verräter enttarnt und dafür belangt zu werden. Auf dieser Idee beruht auch WL.

Lustigerweise gingen viele zunächst davon aus, dass hinter WikiLeaks ein internationaler Geheimdienst steckte und es sich um einen sogenannten Honeypot handelte  man bot also Leuten, die etwas ausplaudern wollten, eine Plattform, um sie dann als Verräter einzukassieren, sobald sie tatsächlich brisantes Material auf die Seite luden. So überwog auch bei mir das Misstrauen.

Doch dann tauchten im November 2007 auf wikileaks.?org die Handbücher aus Guantanamo Bay auf, die sogenannten Camp Delta Standard Operating Procedures. Sie offenbarten, dass die USA in den kubanischen Gefangenenlagern gegen Menschenrechte und die Genfer Konventionen verstießen. Drei Dinge wurden mir sehr schnell klar.

Erstens: Die Idee, WikiLeaks könnte von Geheimdiensten aufgesetzt worden sein, war absurd.
Zweitens: Das Projekt hatte das Potential, noch viel, viel größer zu werden als Cryptome.
Drittens: WikiLeaks war eine gute Sache.
Das Internet ist für Leute, die von Anfang an in entsprechenden Communities mitgemischt haben, kein unüberschaubares Datenmeer, sondern ein Dorf. Benötigte ich eine Einschätzung zu einem bestimmten Thema, wusste ich, wo ich fragen musste. Das tat ich. Und ich bekam immer die Antwort: »WL? Ist voll die gute Sache!« Das bestätigte mich, den Gang der Dinge bei WL weiterzuverfolgen.

Ich loggte mich in den Chat ein, den es auch heute noch auf der WL-Website gibt, und nahm Kontakt auf. Ich hatte sofort das Gefühl, dass die Leute dort so ähnlich tickten wie ich. Sie interessierten sich für die gleichen Fragen. Sie arbeiteten offensichtlich zu genauso unmöglichen Tages- und Nachtzeiten wie ich. Sie diskutierten gesellschaftliche Probleme. Sie glaubten, dass das Internet Chancen böte, Probleme auf völlig neue Weise anzugehen. Nach einem Tag fragte ich das erste Mal, ob es etwas zu tun gäbe. Zunächst bekam ich keine Antwort. Ich war verunsichert, ein bisschen gekränkt. Trotzdem blieb ich weiter im Chat.

»Noch interessiert an einem Job?«, kam die Antwort zwei Tage später. Es war Julian Assange, der das fragte.
»Klar! Sag an«, tippte ich zurück.
Julian gab mir ein paar Handlanger-Aufgaben. Er ließ mich das Wiki aufräumen, Formatierungen anpassen, Inhalte überarbeiten. Mit sensiblen Dokumenten hatte ich da noch lange nichts zu tun. Dafür kam mir sofort die Idee, WL noch mit in das Programm zum 24. Chaos Communication Congress (24C3) aufnehmen zu lassen. Das ist die alljährliche Zusammenkunft der Hacker- und Computerszene, die jedes Jahr zwischen Weihnachten und Silvester im Berliner Congress Center (BCC) stattfindet und vom Chaos Computer Club ausgerichtet wird.

Ich war damals kaum vertraut mit den internen Abläufen von WikiLeaks. Ich wusste nicht einmal, wie viele außer mir sich dort engagierten und welche technische Infrastruktur dem Ganzen zugrunde lag. Wenn ich an WikiLeaks dachte, hatte ich eine mittelgroße Organisation vor Augen, mit einem gut aufgestellten Team, einer robusten Technik, Servern auf der ganzen Welt.

Damals hatte ich eine feste Stelle, ich kümmerte mich um Netzwerkdesign und Netzwerksicherheit für Electronic Data Systems (EDS). Das ist ein großes amerikanisches Unternehmen, das für zivile, aber auch militärische Auftraggeber IT-Aufgaben managt und in Rüsselsheim seinen größten deutschen Standort hatte. Es gab mit meinem Arbeitgeber ein stilles Abkommen, dass ich keine Rüstungsunternehmen betreuen würde, was dazu führte, dass ich vor allem für GM beziehungsweise Opel zuständig war sowie für zahlreiche Fluglinien. Wer heute weltweit einen Flug bucht, benutzt dabei vielleicht Technik, die ich aufgebaut habe.

Ich verdiente etwa 50 000 Euro im Jahr. Das war viel zu wenig für meine Arbeit, aber es war mir egal. Ich engagierte mich in der Open Source Community, arbeitete deutlich mehr als meine vertraglich vereinbarten vierzig Stunden in der Woche und bastelte permanent an neuen Lösungen. Meine Leistung wurde von allen geschätzt.

Meine Kollegen und ich erlaubten uns die üblichen Scherze, mit denen Techniker sich in solchen Konzernen die gute Laune erhalten: Aus Protest gegen die miese Kaffeequalität manipulierten wir die Menüs der Automaten, so dass die angeblich so kostengünstigen Geräte ständig gewartet werden mussten. An einen cholerischen Mitarbeiter schickte ich regelmäßig Mails von der Adresse god@eds.?de und beobachtete heimlich, wie er darüber nur noch mehr in Wut geriet. Ich schickte gleich die nächste Mail hinterher: »Gott sagt, man soll sich aber nicht so aufregen.«

Ich lebte in Wiesbaden, meine damalige Freundin war eine sehr hübsche, junge Frau, ich war  kurz gesagt  zufrieden, aber alles andere als euphorisch, was mein eigenes Leben betraf. Es war bunt und vollgepackt, jedoch war da noch ein wenig Platz für mehr.

Als sich die Stimmung zwischen Julian und mir schon deutlich getrübt hatte, sagte er einmal, dass ich ohne WikiLeaks ein Nichts gewesen wäre. Und ich wäre nur daran beteiligt gewesen, weil ich nichts Besseres mit meinem Leben anzufangen gewusst hatte.
Er hatte recht! WL war das Beste, was mir bis dahin in meinem Leben passiert ist.
Allerdings litt ich vor WL keinesfalls an Langeweile: Ich hatte in meiner Küche einen Serverschrank stehen mit 8500 Kilowattstunden Stromverbrauch im Jahr, ich tüftelte permanent an irgendwelchen Netzwerk-Aufbauten herum, ich traf mich mit Leuten von den lokalen Chaos-Clubs. Damit war mein Tag mehr als ausgefüllt.
Doch ich war, wenn überhaupt, nur mit halbem Herzen dabei. All die Jahre über hatte meinem Leben etwas Entscheidendes gefehlt. Ein Sinn. Eine Aufgabe, für die ich wirklich brannte und für die ich alles andere stehen lassen wollte.