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Main Data
Author: Holger Noltze
Title: World Wide Wunderkammer Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution
Publisher: edition Körber-Stiftung
ISBN/ISSN: 9783896845726
Edition: 1
Price: CHF 15.10
Publication date: 01/01/2020
Content
Category: Kunst/Grafik/Fotografie
Language: German
Technical Data
Pages: 256
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Digitalisierung war für Opernhäuser und Konzertsäle, Theater und Museen lange allenfalls ein Marketingthema. Dass sich für die Zauberorte des Analogen auch digitale Wunderkammern öffnen könnten - kaum vorstellbar. Holger Noltze vermisst dieses neue Terrain und prüft seine Entdeckungen auf ihren Mehrwert für die ästhetische Erfahrung der Zukunft. Langsam erst - manchmal von der Not getrieben, manchmal von Abenteuerlust - entdecken Opern- und Konzerthäuser die eigenständigen Qualitäten des Streaming, entwickeln Museen digitale Sammlungen, die Schaulust und Kunstverstand ansprechen. Es ist höchste Zeit, dass die Kulturinstitutionen sich auf ihre Kernkompetenzen der Kuratierung und qualitativen Unterscheidung besinnen. Dann können sie die Möglichkeiten des Web zur Vertiefung und Differenzierung nutzen, um den Hunger auf ästhetische Entdeckungen jenseits des Erwarteten und Erwartbaren zu wecken. Dafür braucht es neben überzeugenden Erlösmodellen vor allem kluge Lenkung, Fantasie, Komplexitätstoleranz - und die Bereitschaft, ins Unbekannte aufzubrechen.

Holger Noltze ist Musikjournalist und seit 2005 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund. Nach Stationen beim Deutschlandfunk und im WDR Fernsehen arbeitet er heute u. a. für den WDR, für 'Opernwelt' und die ZEIT. Noltze veröffentlichte Bücher über Goethe, Wagner und Verdi. In der Edition Körber erschienen 'Die Leichtigkeitslüge' (2010) und zusammen mit dem Pianisten Menahem Pressler der Gesprächsband 'Dieses Verlangen nach Schönheit' (2016). Holger Noltze ist Mitgründer der Online-Plattform takt1.de für klassische Musik.
Table of contents

TEIL I

Kritik der digitalen Dummheit

»Kurz, er versenkte sich so tief in die Bücher, dass er über ihnen die Nächte vom letzten bis zum ersten Licht und die Tage vom ersten bis zum letzten Dämmer verlas, und der knappe Schlaf und das reichliche Lesen trockneten ihm das Gehirn ein, so dass er den Verstand verlor. Sein Kopf bevölkerte sich mit dem, was er in den Büchern fand, mit Verzauberungen und Turnieren, mit Schlachten, Fehden, Blessuren, Liebesschwüren, Amouren, Herzensqualen und anderem abwegigen Unfug.«

MIGUEL DE CERVANTES:
DON QUIJOTE VON DER MANCHA (1605)

Für Kinder: nicht!

Ein Kulturkampf ist im Gang, die Kombattanten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Gekämpft wird um die Flughoheit über den Kinderzimmern, das erklärt die Unversöhnlichkeit, denn wenn es um das Wohl der Kinder geht, wird kaum Pardon gegeben. Dass die Auseinandersetzung über die Frage, was die Digitalisierung in den Hirnen, den Körpern und im Leben der Menschen bewirkt, was sie anrichtet oder wozu sie inspiriert, mit dem Fokus auf dem Nachwuchs geführt wird, ist kein Zufall, denn der Kampf um den kindlichen Kopf ist natürlich der um unsere Zukunft. Da kann und soll man sich sorgen. Und gewarnt wird gern, in Deutschland zumal, wo man eher nicht nur die Vorteile einer Sache sieht.

Wenn Gerald Lembke und Ingo Leipner in Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen ihre Überlegungen als »Kontrapunkt zum vorherrschenden Digital-Diskurs«1 verstehen, ist das eine überraschende Wahrnehmung, denn tatsächlich lassen sich ihre Thesen in den Mainstream der Digitalisierungskritik einordnen. Deren Savonarola ist der Hirnforscher und Bestsellerautor Manfred Spitzer, dessen Erkenntnisse über die Folgen des Digitalen sich bündig so zusammenfassen lassen: Es macht dick, dumm, dement, depressiv. Zumal die Nutzung von Social Media bedeutet für Spitzer den direkten Weg in den Untergang der Menschheit: »Mangelnde Selbstregulation, Einsamkeit und Depression sind in unserer modernen Gesellschaft die wichtigsten Stressoren. Sie bewirken das Absterben von Nervenzellen und begünstigen damit langfristig die Entwicklung einer Demenz. Bei unseren Kindern kann die Ablösung echter zwischenmenschlicher Kontakte durch digitale Online-Netzwerke langfristig mit einer Verkleinerung ihres sozialen Gehirns verbunden sein. Langfristig besteht die Gefahr, dass Facebook & Co zur Schrumpfung unseres sozialen gesamten Gehirns führen werden.«2 Wie man sich so ein »Gesamtgehirn« vorstellen soll, wird nicht recht klar, aber natürlich geht es ums Große, Ganze und Gesamte. Spitzers Thesen zum Untergang des Denkens und damit der Bildung haben alle Zutaten eines Horrorfilms: deformierte Hirne überall, unaufhaltsam. Bloß wie eine Bildung verfallen soll, die es, so das Panorama des Schreckens, doch gar nicht mehr geben dürfte, bleibt rätselhaft. Der Mann ist in ernster Sorge, so viel ist klar, und sammelt Argumente, wo immer sie sich finden: »Googelt man die Stichwörter digitale Demenz bzw. digital dementia, dann erhält man in etwas weniger als einer Fünftelsekunde etwa 8000 und auf Englisch 38 000 Einträge.«3 Das ist dann, zum Erweis der Validität der eigenen These, schon ein wenig lustig. Auf der gleichen Seite wird ja das Googeln als Gegenteil von »selbst denken, speichern, überlegen« gegeißelt. »Neue Medien haben wie Alkohol, Nikotin und andere Drogen ein Suchtpotenzial. Computer- und Internetsucht sind hierzulande mittlerweile häufig auftr