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Main Data
Author: Mark Roseman
Title: »Du bist nicht ganz verlassen« Eine Geschichte von Rettung und Widerstand im Nationalsozialismus
Publisher: Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN/ISSN: 9783641201111
Edition: 1
Price: CHF 23.90
Publication date: 01/01/2020
Content
Category: Geschichte
Language: German
Technical Data
Pages: 448
Kopierschutz: DRM
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Jede Geste zählte - wie der »Bund« im Nationalsozialismus Juden half zu überleben
In den frühen 1920er Jahren fand sich in Essen eine kleine Gruppe von Idealisten zusammen. Der »Bund - Gemeinschaft für sozialistisches Leben« war auf der Suche nach einer Lebensweise, die Körper, Geist und Seele in Einklang bringen sollte. Doch mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten änderte sich die Agenda seiner Gründer: Sie arbeiteten gegen das Regime und wurden in der Judenhilfe aktiv. Sie schrieben Briefe an die Opfer, verschickten Pakete mit Lebensmitteln und Kleidern, verschafften den Verfolgten Unterkünfte und unterstützten einige dabei, im Untergrund zu überleben. Anhand von unveröffentlichten Aufzeichnungen, Fotos und Interviews mit früheren Mitgliedern erzählt der britische Historiker Mark Roseman die bislang weitgehend unbekannte Geschichte des »Bunds« und wirft ein neues Licht darauf, was es bedeutete, in dieser dunklen Zeit Hilfe zu leisten. Mit zahlreichen Abbildungen.


Mark Roseman, 1958 in London geboren, ist Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Jewish Studies Program an der Indiana University in Bloomington/USA. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust. Zahlreiche Veröffentlichungen zur jüngeren deutschen Geschichte, darunter »Die Wannsee-Konferenz. Wie die NS-Bürokratie den Holocaust organisierte«. 2002 erschien sein Buch »In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau überlebt im Untergrund«, für das er eine Reihe bedeutender Preise erhielt, u.a. den Fraenkel Prize für das beste historische Werk, den Wingate Prize für das beste Sachbuch und den renommierten Geschwister-Scholl-Preis.
Table of contents

Einleitung


Blumen für die Heinemanns

10. November 1938: Tove Gerson brachte Blumen. Wie überall in Deutschland waren in Essen während der vorangegangenen Nacht  die man im Nachhinein »Kristallnacht« nennen sollte  Synagogen, aber auch Wohnhäuser und Geschäfte, die Juden gehörten, geplündert und zerstört worden. Im ganzen Land waren jüdische Bürger terrorisiert worden. Immer noch flackerte in verschiedenen Vierteln der Stadt Gewalt auf. Tove, selbst nicht jüdisch, war gekommen, um nach den Heinemanns zu sehen. Wohlhabend und hochgebildet, hatten sie längst das Rentenalter erreicht. Kennengelernt hatte Tove das Paar über ihre Schwiegereltern, und in ihrer stattlichen Villa hatte sie so manchem Kammerkonzert gelauscht. Auf dem Platz vor dem Haus der Heinemanns sah sich Tove einem wütenden Mob gegenüber. Die schmächtige und nach eigenem Dafürhalten etwas ängstliche Mittdreißigerin wurde angebrüllt, weil sie »Blumen für die Juden« brachte. Sie stammelte ein paar Ausflüchte, kämpfte sich ihren Weg durch die Menge und schaffte es ins Haus, wo sie das ältere Paar, eingeschüchtert und zutiefst erschüttert, inmitten von zerbrochenem Glas und verkohlten Gemälden fand.

4. Dezember 1939: Sonja Schreiber nahm kein Blatt vor den Mund. Seit die Wehrmacht im September in Polen einmarschiert war, kursierten in Deutschland Gerüchte über dort begangene Gräueltaten. Die Zeitungen berichteten von Massakern, die Polen angeblich an Deutschen verübt hätten, und stellten die Maßnahmen der Deutschen als »Vergeltung« dar. Sonja, Mitte vierzig und Grundschullehrerin in Essen, arbeitete nebenher als Freiwillige in der örtlichen Bezugsscheinausgabestelle. In einem Gespräch mit einer Kollegin vom Amt, einer Frau Groß, auch sie Freiwillige, kam man auf die Gräueltaten zu sprechen. Frau Groß sagte, sie wisse, wer wirklich verantwortlich sei: die Juden. Sonja, sanft und idealistisch, fast zu gutmütig, um im Klassenzimmer für Ordnung zu sorgen, konnte dieses Geschwätz nicht ertragen, widersprach vehement und verteidigte die Juden. Sie seien es, die verfolgt würden. Eine schockierte Frau Groß berichtete ihrem Mann von dem Gespräch  und dieser gab die Information an die Gestapo weiter.

8. November 1941: Artur Jacobs rührte eine Frau zu Tränen. Artur war ein sechzigjähriger ehemaliger Lehrer aus Essen, der, inzwischen pensioniert, aufmerksam verfolgte, was den deutschen Juden dieser Tage widerfuhr. Ein paar Wochen zuvor hatte man in der Region mit den Deportationen begonnen, wie er voller Entsetzen feststellen musste. Er kümmerte sich nicht um die Sanktionen, die drohten, wenn man Juden half, und die ständig verschärft wurden, sondern leistete moralische und materielle Unterstützung, wo er konnte. Als eine »Frau K«, die schon bald nach Minsk deportiert werden sollte, ihm für seine Solidarität dankte, antwortete Artur, er sei es, der ihr danken müsse. Schließlich gebe sie ihm die Möglichkeit, einen Teil der Schuld abzutragen, die er empfinde angesichts dessen, was seinen Landsleuten angetan werde. In diesem Augenblick brach Frau K in Tränen aus. »Sie wissen nicht, welchen Trost Sie mir da mitgeben.«

Dezember 1942: Else Bramesfeld ging ein Risiko ein. Im April dieses Jahres hatte ihre jüdische Freundin Lisa Jacob auf der Deportationsliste gestanden, war untergetaucht und lebte doch vor aller Augen. Else hatte Lisa bereits von Zeit zu Zeit Unterschlupf gewährt. Doch nun bot sie ihr noch mehr: einen Rettungsanker in Form eines offiziellen Ausweispapiers, das Lisa vorzeigen konnte, wenn sie im Zug oder in der Straßenbahn danach gefragt wurde. Else hatte beim Reichsverband Deutscher Turn-, Sport- und Gymnastiklehrer e. V. ihren Mitgliedsausweis als gestohlen gemeldet. Ihrem Antrag