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Main Data
Author: Magdalena Gehring
Title: Vorbild, Inspiration oder Abgrenzung? Die Amerikarezeption in der deutschen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert
Publisher: Campus Verlag
ISBN/ISSN: 9783593442198
Edition: 1
Price: CHF 42.50
Publication date: 01/01/2020
Content
Category: Geschichte
Language: German
Technical Data
Pages: 456
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: PDF
Table of contents
Bereits im 19. Jahrhundert pflegten die Frauenbewegungen in Europa und den USA sowohl persönliche als auch institutionalisierte Kontakte und initiierten regelmäßig Kongresse. Magdalena Gehring zeichnet die Entstehung dieser international agierenden Frauenbewegung und die Partizipation deutscher Akteurinnen daran nach. Daneben untersucht sie, welchen programmatischen Einfluss die kontinuierliche Rezeption der US-amerikanischen Frauenbewegung auf die deutsche Frauenbewegung, insbesondere auf den Allgemeinen Deutschen Frauenverein, ausübte. Im Fokus stehen dabei Fragen nach der Funktion, dem Ablauf und der Zielsetzung dieser Rezeptions- und Transferprozesse.

Magdalena Gehring, Dr. phil., war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der TU Dresden; seit Mai 2016 arbeitet sie an der Frankfurt School of Finance & Management.
Table of contents
Einführung »Haben andere Nationen in ihren Bestrebungen den Frauen zu einer würdigen Stellung zu verhelfen, größere Erfolge zu verzeichnen, so darf uns das nicht muthlos machen; sondern es soll uns in der freudigen Gewißheit befestigen, daß auch unser Deutsches Vaterland in den vor uns liegenden Jahren zu diesen Errungenschaften gelangen wird.« 1. Problemdarstellung, Perspektiven und Begriffe 1915 kritisierte die US-amerikanische feministische Autorin Katharine Susan Anthony, die seit 1907 am Wellesley College lehrte, die mangelhaften Kenntnisse und falschen Vorstellungen über die deutsche Frauenbewegung in den USA. Auf Basis des Handbuchs der Frauenbewegung von Helene Lange und Gertrud Bäumer sowie anderer aktueller Literatur schrieb sie einen wissenschaftlichen Band über Frauenbewegungen in Europa mit dem Titel Feminism in Germany and Scandinavia. In ihrer Einleitung erklärte sie, warum sie ihre Schrift für notwendig erachtete: »As interpretation, rather than criticism, was my aim, it may sometimes seem as if I have given too much praise to the German and Scandinavian women and their way of doing things. Perhaps so; but they have, for many years, set the bad example of giving us more praise than we deserve.« Liest man im Vergleich den 1904 in den Neuen Bahnen gedruckten Beitrag Frauenfrage aus Meyers Großem Konversationslexikon, wird klar, worauf Katharine Susan Anthony hinaus wollte: »Frauenfrage ist die Frage, wie die Stellung der Frau im Gesellschaftsorganismus zu regeln ist. [...] In manchen Beziehungen anders als in Europa liegen die Verhältnisse in Nordamerika. Hier war die Lage der Frau infolge des Umstandes, daß die weibliche Bevölkerung früher allgemein in der Minderzahl gegenüber der männlichen war und auch heute noch in weiten Gegenden ist, von jeher eine begünstigte. In Verbindung mit den rationalistisch=demokratischen Anschauungen und Lebensformen und im Zusammenhang mit dem allgemein verbreiteten Wohlstande des Landes genießen die ledigen wie die verehelichten Frauen von jeher eine freiere und selbständigere Stellung als bei den Völkern der alten Kultur, sind im weiten Umfang von der Last der niedrigen Tagesarbeit befreit, können aber andererseits leichter selbständig Erwerb in den eigentlichen Berufszweigen finden. Unter der Lehrerschaft bilden die Frauen mit mehr als zwei Dritteln die Mehrheit. Auch zu anderen öffentlichen Ämtern sind sie berechtigt, besonders an der Schulverwaltung sind sie hervorragend beteiligt. Infolge der Gleichberechtigung, der sich die Frauen im Erwerbsleben erfreuen, ist die vorhandene Bewegung fast ausschließlich auf die Gewinnung politischer Rechte gerichtet.« Um 1900 wurde die Frauenfrage im Kaiserreich als die Frage nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft verstanden, die sowohl ihren Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit als auch ihre politische Partizipation und zivilrechtliche Stellung umfasste. Aus dem Lexikonartikel geht hervor, dass dabei die US-Amerikanerinnen aus deutscher Perspektive als privilegiert wahrgenommen wurden. Begründet wurde diese privilegierte Stellung mit dem respektvolleren Umgang gegenüber Frauen sowie den Frauen gewährten Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten in den USA. Durch diese Vor-aussetzungen konnte sich die Frauenbewegung in den USA, so die Ansicht der deutschen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, völlig auf die Erlangung der politischen Rechte der Frauen konzentrieren. Der Beitrag verweist nicht nur auf Unterschiede in der rechtlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Stellung der Frau in den USA und im Kaiserreich, sondern auch auf das große Interesse an der US-amerikanischen Frauenbewegung in der deutschen Gesellschaft und der Frauenbewegung. Die vorliegende Untersuchung setzt sich mit der gezielten und kritischen Rezeption der US-amerikanischen Frauenbewegung in der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung am Beispiel des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (im Weiteren ADF) auseinander. Der ADF bietet sich aus mehreren Gründen als Untersuchungsgegenstand an. Zum einen begann mit der Gründung des ADF im Oktober 1865 die organisierte bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland und er blieb über Jahrzehnte einer ihrer wichtigsten Vertreter. Zum anderen liegt mit dem Vereinsorgan Neue Bahnen, das über mehrere Jahrzehnte die zentrale Kommunikations- und Informationsplattform der organisierten bürgerlichen deutschen Frauenbewegung bildete, eine lohnende und umfangreiche Quelle vor. Die Neuen Bahnen geben Aufschluss über die Denkweisen, Interessenschwerpunkte sowie die Arbeit und Methoden des Vereins und der bürgerlichen Frauenbewegung. Der ADF ist zudem stark mit der Person Louise Otto-Peters verbunden, die von Ute Gerhard als »die Mutter der deutschen Frauenbewegung« bezeichnet wurde und die seit dem Vormärz für die Rechte der Frauen eintrat. Zwischen 1849 und 1853 gab Louise Otto-Peters die Frauen=Zeitung heraus, in der sich bereits Verweise auf die US-amerikanische Frauenbewegung und US-amerikanische Entwicklungen in der Frauenfrage finden. Seit Ende der 1840er Jahre fand eine bewusste Rezeption der US-amerikanischen Verhältnisse statt, die ab Mitte der 1860er Jahre in den Neuen Bahnen fortgeführt und im Laufe der Zeit durch direkte Kommunikationsprozesse und Kontakte zwischen den Frauen intensiviert wurde. Damit lässt sich eine Kontinuitätslinie der Amerikarezeption, mit einem besonderen Schwerpunkt in der Frauenfrage, in der deutschen Frauenbewegung ausmachen. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Fragen nach der Funktion, dem programmatischen Einfluss und dem Ablauf dieser kontinuierlichen Rezeption sowie deren Bedeutung für die Partizipation deutscher Frauen in der internationalen Frauenbewegung. Wieso interessierten sich die deutschen Frauen für die Entwicklungen in der US-amerikanischen Frauenbewegung und berichteten über mehrere Jahrzehnte hinweg über die US-Amerikanerinnen? Woher bezogen die deutschen Frauen die Berichte aus und über die USA? Welche Akteurinnen waren an diesen Rezeptionsprozessen beteiligt? Verfolgte die Redaktion mit diesen Mitteilungen klare Ziele? Wie beeinflusste die Rezeption die Teilhabe deutscher Frauen an der internationalen Frauenbewegung? Für die Wahl der Untersuchungsländer Deutschland und USA sprechen mehrere Gründe: Erstens fanden viele demokratisch gesinnte Vor-denker und Vordenkerinnen nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 im vermeintlich freien und demokratischen »Amerika« eine neue Heimat, auch hinsichtlich ihres politischen Engagements. Durch diese Migration entstanden persönliche Beziehungen und Kommunikationswege zwischen den beiden Ländern. Zweitens lässt sich eine Kontinuitätslinie der Rezeption der US-amerikanischen Verhältnisse in der Frauenfrage, die 1849 in Louise Otto-Peters' Frauen=Zeitung begann und von der organisierten Frauenbewegung ab 1866 weitergeführt wurde, erkennen. Drittens gelang es 1888 Vertreterinnen der US-amerikanischen Frauenbewegung mit der Gründung des International Council of Women (im Weiteren ICW) die Frauenbewegung international zu institutionalisieren und sich dem damals beginnenden, übergreifenden Prozess der Internationalisierung sozialer Bewegungen anzuschließen. Dies leitet zum zweiten Untersuchungsschwer-punkt der Arbeit über, der Partizipation deutscher Akteurinnen in frühen transnationalen Netzwerken und im beginnenden Internationalisierungs-prozess der Frauenbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Arbeit konzentriert sich auf die weiße bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland und den USA. Bürgerliche Frauen waren in beiden Gesellschaften die ersten, die aufgrund ihres familiären, ökonomischen und politischen Hintergrunds begannen, sich ihrer mehrfachen Unterdrückung bewusst zu werden und daraufhin Forderungen nach politischen und zivilen Rechten, Zugang zu höherer Bildung und den Anspruch auf ökonomische Unabhängigkeit formulierten. Diese Frauen entstammten ähnlichen sozialen und religiösen Milieus, teilten ähnliche gesellschaftliche Erfahrungen und sahen sich klar formulierten gesellschaftlichen Erwartungen gegen-über, denen sie nicht länger entsprechen wollten. Diese Konstellation ermöglichte es den deutschen Frauen, ihre Situation mit der der US-Amerikanerinnen zu vergleichen, ihre Methoden und Forderungen zu rezipieren, kritisch zu bewerten und diese gegebenenfalls zu adaptieren. Die Heterogenität der USA mit ihren verschiedenen ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen sowie die unterschiedlichen sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen den Nord- und Südstaaten der USA und dem zum Teil noch unerschlossenen Westen fand in den Neuen Bahnen nur bedingt Beachtung. Als »Amerikanerin« erschien die weiße, gebildete Frau der Ostküste oder der industrialisierten Zentren des Mittleren Westens. Dies war ein sehr verkürztes Bild der tatsächlichen weiblichen Bevölkerung des Landes. Welchen Stellenwert die nicht weißen Bevölkerungsgruppen in den deutschen Beschreibungen einnahmen, wird an der Klassifizierung der Native Americans sowie der Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner als »wilde Indianer« und »halbzivilisierte Neger« deutlich, die oft als hilfsbedürftige Gruppen dargestellt wurden, denen die weiße, sozial engagierte und gebildete Frau Hilfe zukommen ließ. Verweise und Beziehungen zur afroamerikanischen, sozialdemokratischen oder radikalen Frauenbewegungen ergeben sich im Zusammenhang der Untersuchung immer wieder, stehen jedoch nicht im Mittelpunkt. Hier wird deutlich, dass sich unter dem Begriff Frauenbewegung unterschiedliche Gruppen und Initiativen mit unterschiedlichen Zielen und Strategien versammeln, die aufgrund politischer, sozialer und ethnischer Unterschiede entstehen. Dadurch kann nicht von einer homogenen Bewegung gesprochen werden. In der Arbeit wird auch vor der Gründung des Kaiserreichs 1871 von Deutschland bzw. deutsch gesprochen, obwohl es noch keinen deutschen Nationalstaat gab. Das hat zum einen praktische Gründe, zum anderen formulierte Louise Otto-Peters schon 1865 den Grundsatz: »Das ganze Deutschland soll es sein!« Mit dem ADF wollte sie ein national agierendes Forum für alle deutschen Frauen schaffen. Hier wird die Aussage von Sylvia Paletschek und Bianka Pietrow-Ennker unterstützt, die auf den Zusammenhang zwischen Frauenbewegungen und Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert verwiesen. Der Terminus »Amerika« wird synonym mit dem der USA verwendet und bezieht sich damit auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Praxis findet sich schon in den Quellen, die oft nur von »Amerika« sprechen, wenn von den USA die Rede ist. Der Unterschied zwischen transnational und international muss an dieser Stelle ebenfalls erläutert werden. In der Forschung finden sich verschiedene Definitionen und Erklärungsmodelle bis hin zur älteren synonymen Verwendung. Leila J. Rupp etablierte als eine der Ersten den Be-griff der transnationalen Geschichte in Bezug auf die internationale Frauenbewegung. Die vorliegende Arbeit übernimmt die Definition von Susan Zimmermann, die transnational als globale Interaktion zwischen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften begreift. Im Gegensatz dazu steht international als institutionalisierte und formalisierte Dimension von Austausch und Beziehungen, zum Beispiel innerhalb internationaler Organisationen. Dies führt zu folgender Verwendung der beiden Begriffe in der Arbeit: Beziehungen und Austauschprozesse einzelner Akteurinnen oder nationaler Frauenbewegungen vor der Gründung einer organisierten internationalen Frauenbewegung werden als transnational verstanden, da sie nicht institutionalisiert stattfanden. Mit der Institutionalisierung der Frauenbewegung auf internationaler Ebene wird von einer internationalen Frauenbewegung gesprochen, die sich im ICW organisierte. 2. Forschungsstand und Forschungsfragen Mit der Etablierung der Frauengeschichte im Zuge der zweiten Welle der Frauenbewegung und der sich daraus entwickelten Geschlechtergeschichte ab den 1980er und 1990er Jahren mit ihren neuen Fragestellungen und Methoden ist die Forschung zur Frauenbewegung in Deutschland breit aufgestellt. Sie umfasst Überblicksdarstellungen , Lokalstudien , Unter-suchungen zur Vielfalt der deutschen Vereinslandschaft sowie biographische Arbeiten zu Akteurinnen. Daneben arbeitete die Forschung die unterschiedlichen Arbeitsgebiete der Frauenbewegung auf. Zu diesen zählten die Verbesserung der Mädchenbildung und die Öffnung der deutschen Universitäten für Frauen , die Möglichkeit weiblicher qualifizierter Erwerbsarbeit , die Auseinandersetzung mit der sogenannten Sittlichkeitsfrage sowie politische Partizipationsmöglichkeiten und rechtliche Gleichberechtigung. Dass die Frauenbewegung mittlerweile ein fester Bestand-teil der Geschichte des Deutschen Kaiserreichs ist, belegen die Bezüge zur Frauenbewegung in vielen Werken über das Kaiserreich. Die transnationalen und internationalen Verbindungen der deutschen Frauenbewegung finden dagegen noch nicht die ihr zustehende Aufmerksamkeit, vor allem für die Zeit vor der Etablierung internationaler Organisationen. An diesem Punkt setzt die Arbeit an und fragt nach den transnationalen Beziehungen vor dem Entstehen einer international agierenden Frauenbewegung. Daneben gilt es mit der Untersuchung der Rezeption