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Main Data
Author: Jan Wiechert, Dinah Rottschäfer, Andreas Volk
Title: Hohenlohica Obscura Spuk, Aberglaube und Magie an Kocher, Jagst und Tauber
Publisher: Gmeiner-Verlag
ISBN/ISSN: 9783839262009
Edition: 1
Price: CHF 9.60
Publication date: 01/01/2019
Content
Category: Geschichte
Language: German
Technical Data
Pages: 160
Kopierschutz: Wasserzeichen
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Ob Poltergeister oder Scheintote, Hexenkunst oder prophetische Gabe: Die Region Hohenlohe ist reich an Geschichten und Legenden, die ins Übernatürliche oder Unglaubliche entführen. Der Glaube an das Wirken unsichtbarer Mächte und abergläubische Praktiken waren fester Bestandteil der Volkskultur. Doch was steckt hinter dem Hokuspokus? In neun Kapiteln gehen drei Regionalhistoriker den Hohenloher Mysterien nach und suchen nach Hintergründen und der Wahrheit hinter dem Rätsel. Ob tragisch, heiter oder überraschend: Alle Geschichten basieren auf der historischen Überlieferung.

Jan Wiechert, 1982 in Riedlingen geboren, betrachtet seit seinen Jugendjahren Schwäbisch Hall als seine Heimatstadt. Die Kriminalgeschichte der Region gehört zu seinen Spezialgebieten. Seine Arbeit im Hohenlohe Zentralarchiv Neuenstein könnte abwechslungsreicher nicht sein: vom Archivieren historischer Dokumente über Tätigkeiten im PR-Bereich bis hin zum Dozieren und Referieren zu Themen der hohenlohischen Geschichte. In der MOMENTE und der regionalen Tagespresse publiziert der Autor regelmäßig Beiträge zu aktuellen kulturellen Themen. Unter dem Titel 'Von Mauserei bis Meuchelmord' bietet Jan Wiechert Themenführungen im Schloss Neuenstein an. Dinah Rottschäfer, 1987 geboren, studierte Kunstgeschichte und Erziehungswissenschaft an der Universität Mainz. Die Vermittlung von Kunst und Kultur über Neue Medien gehört zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Ihr Werdegang führte von den Staatlichen Schlössern Baden-Württemberg, über die Landesmuseen in Karlsruhe und Stuttgart an das Stadtmuseum Sinsheim, wo sie im August 2018 die Leitung und Neugestaltung übernimmt. Sie hat sich durch zahlreiche Publikationen, vor allem zum Hohenlohischen Schloss Weikersheim, hervorgetan, zu dem sie aktuell promoviert. Andreas Volk, Jahrgang 1969, wohnhaft in Kupferzell, zählt derzeit zu den wichtigsten Archivdienstleistern der Region Hohenlohe. Bei seinen Erschließungsarbeiten in Orts- und Gemeindearchiven stößt er immer wieder auf interessante Materialien, die ihn zu seinen Publikationen inspirieren. Außerdem ist er als Stadtführer, Referent und Seminarleiter tätig.
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Der Tausendkünstler


Geschichten über Poltergeister, die sich in Wohnhäusern eingenistet haben, um die Bewohner zu plagen, zu schrecken und zu necken, die schwere Gegenstände verschwinden oder durch die Luft fliegen lassen, sind spätestens seit der frühen Neuzeit bekannt. Auch aus dem alten Hohenlohe liegen zahlreiche Berichte über Gespenstererscheinungen vor. So soll es beispielsweise im Jahr 1616 im Pfarrhaus von Beutingen gespukt haben. 1709 fühlte sich Anna Maria Vogt aus Schäftersheim von einem Gespenst bedrängt und 1758 war ein Schuhmacher in Langenburg von einem übernatürlichen Plagegeist betroffen. Zum Teil fanden sich ganz irdische Gründe für die unheimlichen Erscheinungen. So sind aus der Gegend um Weikersheim gleich mehrere Fälle bekannt, bei denen sich junge Männer einen Spaß daraus machten, Gespenster zu mimen und ihre Mitbürger zu erschrecken. Bei vielen anderen Gelegenheiten hingegen fand sich keine natürliche Erklärung, sodass die Zeitgenossen vom Wirken höherer Mächte überzeugt sein mussten und in ihrem Gespensterglauben gestärkt wurden. Ein besonders hartnäckiger, am Ende gar tödlich wirkender Poltergeist versetzte im Jahr 1689 eine Familie in Döttingen in Angst und Schrecken.

Das Hohenlohe-Zentralarchiv in Schloss Neuenstein wird in den lokalen Medien oder durch Mitarbeiter des Hauses gerne als »papierenes Gedächtnis der Region« bezeichnet. Leider teilt es hin und wieder das Schicksal eines humanen Gedächtnisses  und schwindet. Obwohl Döttingen 1689 unzweifelhaft zum Herrschaftsgebiet der Grafen von Hohenlohe-Langenburg gehörte und eine Akte zu den damaligen Gespenstererscheinungen im entsprechenden Archiv-Bestand zu erwarten wäre, ist sie nicht aufzufinden. Vielleicht steckt sie als sogenannter »Irrläufer« irgendwo in den knapp fünf Regalkilometern Archivgut, die in Neuenstein verwahrt werden. Vielleicht ging sie schon kurz nach ihrer Entstehung auf dem Dienstweg verloren. Oder  was am wahrscheinlichsten ist  sie fiel im 19. Jahrhundert einem tatkräftigen Archivar in die Hände, der sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass sich ein vernunftbegabter Mensch jemals für den abgeschmackten Hokuspokus der alten, abergläubischen Hohenloher interessieren könnte, und die Akte kurzerhand kassierte, um sie der Papiermühle zuzuführen. So oder so wäre die hochinteressante Geschichte für immer vergessen und verloren gewesen, hätte sich ihrer nicht bereits 1690, also ein Jahr nach den Ereignissen, ein Schriftsteller angenommen.

Erasmus Francisci (16271694), Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Schriften, befasste sich in seinem letzten und vielleicht bedeutendsten Werk »Der höllische Proteus oder tausendkünstige Versteller« mit allen möglichen Arten von Geistererscheinungen. 1688 wurde der aus Lübeck stammende und in Nürnberg lebende Francisci als Rat des Grafen Heinrich Friedrich von Hohenlohe-Langenburg angenommen. Da er sein Amt »von Haus aus« ausübte, behielt er seinen Lebensmittelpunkt in Nürnberg bei. Obgleich er sich, wenn überhaupt, nur selten in Hohenlohe aufhielt, scheint ihm die Verbindung zur dortigen Verwaltung die Geistergeschichte aus Döttingen in die Hände gespielt zu haben. Er versah sie mit dem Titel »Der spitzbübische Geist« und nahm sie als neunundneunzigstes von hundert Kapiteln in seinen »höllischen Proteus« auf. In seinem Text zitiert Francisci ausführlich aus vier Protokollen, die durch das Amt Döttingen aufgenommen, an die gräfliche Kanzlei in Langenburg gesandt und ihm »in Abschrifft mitgetheilt« wurden. Auf diesem Umweg haben sich zumindest Teile der Akte erhalten, die von den Nöten des Bauern Andreas Welz und seiner Familie berichtet. Sie beginnt mit einem Protokoll vom 6. September 1689: »Es hat sich [] ein wunderbarer und allhier zu Döttingen noch nie erhörter Casus in Andreas Welzen Behausung zugetragen []«.

Andreas Welz muss in den 1640er Jahren in Unterregenbach zur Welt gekommen sein. 1667 verheiratete er sich mit Margaretha, einer Bauerntochter aus Döttingen. Bald darauf scheint er ihren elterlichen Hof übernommen zu haben. Dem Paar wurden zwischen 1668 und 1687 drei Söhne und fünf Töchter geboren. Mindestens