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Main Data
Author: Walter Hehl
Title: Gott kontrovers Was noch in Würde zu glauben ist - Antworten aus Naturwissenschaft und Technik
Publisher: vdf Hochschulverlag AG
ISBN/ISSN: 9783728139320
Edition: 1
Price: CHF 32.50
Publication date: 01/01/2019
Content
Category: Philosophie
Language: German
Technical Data
Pages: 383
Kopierschutz: DRM
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Es ist eine grosse Kluft entstanden zwischen dem traditionellen Glauben, der vor- oder frühwissenschaftliche Konzepte verarbeitet, und den Ideen der modernen Wissenschaft, die uns Menschen in ein Riesenweltall setzen, zu einem Tier unter anderen machen und in Konkurrenz zu Computern bringen. In diesem Buch geht es darum, diese Kluft zu überwinden. Woran können wir heute noch glauben? Was bedeutet Religion im 21. Jahrhundert? Der Autor plädiert, ausgehend von Einsteins Vorstellungen einer kosmischen Religiosität, für eine Art aufgeklärte Religion. Darin nehmen die Erkenntnisse der Wissenschaft - insbesondere Physik, Kosmologie und Informationstechnologie - einen wichtigen Stellenwert ein. Es resultieren daraus vier Bereiche einer «Religiosität ohne Religion»: die Tiefe der Mathematik, die Kraft der Schönheit, das Erschauern vor dem Unendlichen (ozeanisches Gefühl) und das moralische Gesetz in uns. - Religion im klassischen Sinn ist «heidnisch» und kindlich, basierend auf einem Wissen, das Jahrhunderte alt ist und überholt. - Die neuen Wissenschaften bringen neue Erkenntnisse und ermöglichen neue, «aufgeklärte» Formen von Glauben und Religiosität.

Walter Hel ist Physiker. Nach langjähriger Tätigkeit im Bereich Forschung und Entwicklung bei IBM ist er heute vor allem als Autor und Referent für Fachvorträge aktiv.
Table of contents

Gott baut die Welt im Computer

«Ein guter Programmierer kann GOTT spielen, er kann eine Welt schaffen. Seine schlimmste Angst ist, nicht genügend Speicher zu haben.»

Student auf der Website des North Carolina College of Engineering.

2.1 Gottes Computer und seine Weltsoftware

«Unser Schöpfer ist ein kosmischer Computerprogrammierer.»

Richard Terrile, NASA Ingenieur, geb. 1951.

Terrestrische Serverfarmen kommen den Ressourcen Gottes für den Bau der Welt im Computer schon recht nahe. Die ersten Computerfarmen entstanden bei CERN, dem Forschungszentrum für Teilchenphysik, in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts aus selbstgebauten Computern, später aus Hunderten von grauen PCs. Die Computerfarm in Abb. 2.1 vermittelt einen guten Eindruck einer heutigen Lokation mit Hunderttausenden von Computern, die wir in Gedanken nun in Anzahl und Leistung für die ganz grosse Aufgabe erweitern wollen, für die Simulation der Welt.

Abb. 2.1 Computerfarmen als Werkzeuge zur Simulation oder Erzeugung von Welten. Ein Datenzentrum von Google mit magisch-blauem LED-Licht, verlängert ins Unendliche (© Google, modifiziert nach Google Data Center Gallery, No 12).

Die Grösse der Aufgabe hängt naturgemäss vom gewählten Feinheitsgrad der Darstellung der Welt im Computer ab. Unser Weltall enthält im für uns sichtbaren Teil  etwa 46 Milliarden Lichtjahre in jede Richtung  etwa 1023 Sterne und insgesamt 1082 Atome, vor allem Wasserstoffatome. Zum Glück müssen die Rechnungen nicht in allen Raumteilen gleich genau sein. Man benötigt hohe Genauigkeit und damit Rechenaufwand

in Bereichen des Alls mit hoher Materiedichte und starken Gravitationsfeldern,

dort, wo wir Menschen sind, hingelangen oder wirklich hinsehen können.

Das Verfahren, die Genauigkeit einer Simulation dynamisch an die an einem Ort benötigte Genauigkeit anzupassen, ist Stand der Softwaretechnik. Genau dies macht man bei Berechnungen von Körpern nach dem Verfahren der finiten Elemente oder wir Menschen mit dem Auge, wenn wir den Blick auf eine interessante Stelle richten.

Der zweite Punkt ist natürlich anthropozentrisch, wie in vielen Religionen üblich. Es entspricht noch dem Stand unseres menschlichen Selbstverständnisses, dass das ganze gewaltige Universum nur für uns da ist. Wenn wir die einzigen Geschöpfe sind, wäre es zum Beispiel erst notwendig gewesen, die Rückseite des Mondes dann präzise zu simulieren, als die ersten Sonden den Mond erreichten.

Es gibt noch eine dritte Problematik, die Anpassung der Rechengenauigkeit erfordert:

die Auswirkung des Zufalls, der aus kleinster Schwankung eine grosse Wirkung haben kann.

Noch im 19. Jahrhundert war die etablierte Wissenschaft überzeugt, dass es Zufall eigentlich nicht gibt, aber es gibt ihn. Die Quantenphysik zeigt es unmittelbar, aber der Zufall ist effektiv überall, auch in der klassischen Physik. Allein in 1 cm3 Luft befinden sich mehr als 2.5 × 1019 Luftmoleküle, deren Koordinaten sechsmal mehr Zufallszahlen bedeuten, je drei für den Ort und je drei für den Impuls jedes Moleküls. Klassisch gesehen, ist der Zufall ein Störfaktor, das Wesentliche war die Erforschung der Regeln und damit der von Gott geschaffe