Login
 
Main Data
Author: Adnan Maral
Title: Adnan für Anfänger Mein Deutschland heißt Almanya
Publisher: Blanvalet
ISBN/ISSN: 9783641141974
Edition: 1
Price: CHF 8.60
Publication date: 01/01/2014
Content
Category: Politik, Gesellschaft, Arbeit
Language: German
Technical Data
Pages: 256
Kopierschutz: DRM
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Ein türkisches Bekenntnis zum Deutsch-Sein
Integration war gestern! Menschen mit Migrationshintergrund sind längst in der deutschen Gesellschaft angekommen - nur scheinen weder die Deutschen noch die Türken das zu wissen. So lautet die Botschaft in Adnan Marals Buch, in dem er clever, unterhaltsam und pointiert auf vierzig Jahre deutsch-türkische Integration zurückblickt. Der Schauspieler, bekannt aus dem TV- und Kino-Hit 'Türkisch für Anfänger', ist es leid, Quotentürke zu sein - denn er liebt Schwarzbrot, Geranien und Stammtische und ist damit deutscher als viele Deutsche. Doch wie kann es sein, dass er keinen deutschen Pass hat und nicht wählen darf? Damit sich in unseren Köpfen etwas ändert, braucht es laut Maral vor allem Gelassenheit - und eine Prise deutschtürkischen Hümor.


Adnan Maral, geboren 1968 in der Türkei, lebt seit bald 50 Jahren in Deutschland. Maral ist Schauspieler, Filmproduzent und Botschafter für den deutsch-türkischen Dialog. In dieser Funktion begleitete er Außenminister Frank-Walter Steinmeier regelmäßig nach Istanbul. Als Schauspieler ist er in zahlreichen Rollen auf dem Fernsehbildschirm und der Kinoleinwand zu sehen. Unteranderem in »Türkisch für Anfänger«, »Zaun an Zaun« und »Einmal Hans mit scharfer Soße« sowie in »Die Känguru-Chroniken«. Er lebt mit seiner Familie bei München.
Table of contents

1

Adnan beim Arzt

Es war Montag früh, acht Uhr, und ich saß im Wartezimmer einer Münchner Arztpraxis.

Ich war nicht krank, ich bin Schauspieler. Das heißt nicht, dass ich auf krank gemacht hätte … obwohl ich zu Schulzeiten natürlich hin und wieder von meinem Talent Gebrauch gemacht habe, das war recht nützlich. An diesem Tag war es umgekehrt, da musste ich topfit wirken! Der nächste Film stand an, und die Versicherung gegen Drehausfälle verlangte einen Check. Zum Glück war ich gesund. Und trotzdem fühlte es sich wie immer seltsam an, beim Arzt zu sitzen. Allein dieser Geruch! Das war nicht das Desinfektionsmittel allein. Rauchte hier jemand?

Mein Blick schweifte durch die Praxis mit den schicken weißen Designerstühlen. Direkt mir gegenüber schwitzte und schnaufte ein deutlich übergewichtiger Mann im Maßanzug. Mir wurde mulmig zumute. Der sah gar nicht gesund aus!

Zwei Stühle weiter hatte sich eine magere Frau im Businesskostüm in ihr Buch vertieft. Was sie wohl hertrieb? War sie vielleicht eine Pharmavertreterin? Sie warf mir einen strengen Blick über den Rand ihrer schwarzen Brille zu. Ich sollte die Menschen nicht immer so neugierig mustern, dachte ich. Aber das gehört zu meinem Beruf, ich betreibe ständig Fallstudien. Auch wenn ich vermutlich nie eine magere Frau um die dreißig spielen werde. Aber wer weiß?

Dieser Morgen würde lang werden, ich spürte es. Immerhin gab es Zeitschriften, vor allem solche, die unter meinen intellektuellen Schauspielerkollegen verpönt sind. Ich griff schnell nach der autor motor und sport, bevor mein Gegenüber sie mir streitig machen konnte. Ein Mercedes auf der Titelseite, des Türken liebstes Statussymbol … der Tag war gerettet!

Kaum hatte ich mich in die Lektüre über die neue S-Klasse vertieft, kam eine blond gefärbte Frau im weißen Kittel herein, offenbar die Arzthelferin. »Der Herr Doktor musste zu einem Notfall. Es wird noch ein bisschen dauern.« Sie blickte in die Runde. »Herr Adrian Marcel bitte zum Empfang!«

Adrian Marcel?

Der Dicke brummelte etwas Bayerisches in sich hinein, offenbar ungehalten über die extra Wartezeit. Er war es wohl nicht. Und die Frau? Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihr einen fragenden Blick zuzuwerfen.

»Herr Marcel, Adrian! Bitte zum Empfang!«, wiederholte die Sprechstundenhilfe, diesmal lauter, und stöckelte davon, ohne eine weitere Reaktion abzuwarten. Kaum war sie draußen, da kam sie auch schon wieder reingestürmt. Ich war ihr aufgefallen.

»Wer sind ’n Sie?«, fragte sie mich und zog die Augenbrauen hoch. Bevor ich auch nur den Mund aufmachen konnte, fuhr sie mich an: »Hallooo, Sie können hier nicht einfach ohne Termin reinmarschieren und sich hinsetzen!«

Ich wollte ihr antworten, aber sie kam mir erneut zuvor. »Verstehen Sie mich überhaupt, halloooo!« Dabei beugte sie sich mit ihrem Oberkörper so weit zu mir herunter, dass ich ihr zwangsläufig in den arg tiefen Ausschnitt gucken musste. Für einen kurzen Moment dachte ich furchtsam: O weh, ihr fallen die Brüste aus dem Kittel!

Doch bevor es so weit kommen konnte, stand sie wieder aufrecht vor mir, die Hände in die Hüften gestemmt. Ich spürte ihren bohrenden Blick mitten auf der Stirn.

»Ich … Adnan«, brachte ich hervor.

»Ne, oder …? Sie müssen schon deutsch mit mir reden!«

In diesem Augenblick klingelte das Praxistelefon und erlöste mich erst mal von ihrer Gegenwart.

»Mal wieder typisch. Wenn ich in ein fremdes Land komme, dann lerne ich doch erst mal die Sprache«, brummelte sie, während sie zum Empfang stolzierte.

Ich war perplex. Dann wurde ich wütend.

Meine Ohren dröhnten. Hufgetrappel! Aus allen Himmelsrichtungen stürmten sie herbei: die ostanatolischen Zwergbergziegen. Schon war ich inmitten der Horde. Staub wirbelte auf, drang in meine Nase und mit ihm so manches drahtige Ziegenhaar. Ich bekam kaum noch Luft. Dann geschah es! Mit ihren festen Hufen trampelten sie über mich hinweg, sprangen an mir hoch und nahmen Besitz von mir.

Ich musste sie bezwingen, auf der Stelle! Sonst würde ich explodieren und sie mit einem gewaltigen Wutausbruch zurück in die Außenwelt entlassen.

Es waren die Ziegen meiner Kindheit. Ich kann mich gut an die Sommerferien erinnern, wenn meine Eltern das Auto voller Geschenke luden und wir uns auf den weiten, weiten Weg ostwärts machten, um Baba-Anne zu besuchen, meine Großmutter väterlicherseits. Sie war eine herzensgute Frau, und sie hatte Temperament! Wenn etwas sie ärgerte, warf sie die Arme in die Höhe und drehte in rasender Geschwindigkeit die Hände, sodass mir schon vom Zusehen schwindlig wurde. Dann hieß es, in Deckung zu gehen, denn ihre ostanatolischen Zwergbergziegen waren erwacht! So nannte Baba-Anne den Gefühlszustand, der immer dann von ihr Besitz ergriff, wenn Wut in ihr hochkochte.

Ganz offenbar habe ich ihr spezielles Temperament geerbt. Früher hatte das Nahen der Zwergbergziegen verheerende Auswirkungen auf meine Umwelt. Wie Baba-Anne hob ich die Hände in die Luft, drehte