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Hauptdaten
Autor: Bernhard Waldenfels
Titel: Hyperphänomene Modi hyperbolischer Erfahrung
Verlag: Suhrkamp
ISBN/ISSN: 9783518789407
Auflage: 1
Preis : CHF 27.00
Erscheinungsdatum:
Inhalt
Kategorie: Philosophie
Sprache: German
Technische Daten
Seiten: 437
Kopierschutz: Wasserzeichen/DRM
Geräte: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB/PDF
Inhaltsangabe
Hyperbolische Erfahrungen sind Steigerungsformen, in denen das, was sich zeigt, über sich selbst hinausgeht. Hyperphänomene überqueren Schwellen des Fremden, ohne sie zu überwinden. Sie tauchen in vielerlei Gestalt auf. Als Unendliches, Unmögliches, Unsichtbares oder Unvergessliches sprengen sie den Rahmen der Erfahrung. In der offenen Form von Gabe, Stellvertretung, Vertrauen und Gastlichkeit knüpfen sie soziale Fäden, die der normativen Regelung entgleiten und in den Exzessen der Gewalt zu zerreißen drohen. In der Fremdheit des Religiösen erreicht die Transzendenz ein eigenes, aber auch strittiges Gewicht. Methodisch verlangt die Hyperbolik nach einer indirekten Beschreibung, die aufzeigt, was sich dem direkten Zugriff entzieht. Sie bewegt sich an den Rändern der Phänomenologie.

<p>Bernhard Waldenfels, geboren 1934 in Essen, ist Professor emeritus f&uuml;r Philosophie an der Ruhr-Universit&auml;t Bochum.</p>
Inhaltsangabe

9Vorwort


Der vorliegende Band ist Teil einer Trilogie, deren Schwerpunkt in der Organisation der Erfahrung liegt. Es geht um Modi der Erfahrung, die sich weder auf vorgegebene Daten noch auf ein kategoriales oder normatives Programm zurückführen lassen. Erfahrung steht und fällt damit, daß sich etwas als solches zeigt. Dieses phänomenologische oder hermeneutische Als artikuliert sich in Sinngebilden, Strukturen, Gestalten, Praktiken und Affektionsweisen; es breitet sich aus in Sinnhorizonten, Kontexten, Handlungsfeldern und Stimmungslagen; es oszilliert zwischen Wiederholung und Überraschung. Die daraus resultierenden Ordnungen erweisen sich als kontingent in dem Maße, in dem etwas so und nicht anders erscheint, aber auch anders erscheinen könnte. Im Einklang mit James, Bergson und Husserl orientieren wir uns an einer starken Form der Erfahrung, die ihrer selbst nicht Herr ist, in der Anwesenheit und Abwesenheit sich verschränken und die uns immer wieder in Situationen führt, in denen wir mit Wittgenstein gestehen müssen: »Ich kenne mich nicht aus.« Während die zwei ersten Bände unserer Trilogie sich mit Verschiebungen in Ort und Zeit und mit dem Wechselspiel von Sinnen und Künsten befassen, geht es nun um Hyperphänomene, die einer Vielfalt hyperbolischer Erfahrungen entspringen. In Anlehnung an die phänomenologische und hermeneutische Grundformel, von der wir ausgingen, läßt sich das Hyperbolische wie folgt umschreiben: Etwas zeigt sich als mehr und als anders, als es ist. Darin liegt ein Paradox, das an die Identität von Dingen und Bezugsobjekten, aber auch an die Identität unserer selbst und aller anderen rührt: Jemand ist zugleich mehr und anderes, als er oder sie ist. Was hier auf dem Spiel steht, läßt sich weder als bloßer Teil einem Ganzen einordnen noch als bloßer Fall einem Gesetz unterordnen. Es steht quer zu allen Ordnungen. Damit nähern wir uns einem Gebiet, das höchst umstritten ist. Bei den einen erregt es den Verdacht, man wolle den harten Anforderungen des Hier und Jetzt ausweichen; bei anderen weckt es übertriebene Erwartungen, als sei drüben zu finden, was hier fehlt.

Die Hyperbolik, die wir im Auge haben, steht für eine Bewegung des Über-hinaus. Es handelt sich um ein altvertrautes Motiv, 10das unter verschiedenen Namen an den Rändern großer und kleiner Ordnungen oder auch in ihrer Mitte auftaucht. Die speziellen Formen der rhetorischen und der mathematischen Hyperbel sind nur die Spitzen eines Eisberges, der sich aus einem Meer religiöser Vorstellungen, metaphysischer Denkversuche, politischer Entwürfe und künstlerischer Gestaltungen erhebt. Nur einiges davon werden wir zur Sprache bringen. Dabei wird sich zeigen, wie schwierig es ist, für das Hyperbolische einen gemäßen Ort zu finden.

Dies gilt schon für die klassischen Formen der Metaphysik. Hier steht das Hyperbolische im Schatten eines allumfassenden Ganzen, das dazu tendiert, alles Überschüssige in einen Vorschuß zu verwandeln, der durch die Entfaltung des Ganzen eingelöst wird. Einem vollendeten Ganzen kann man nichts hinzufügen, noch kann man etwas von ihm wegnehmen. Das Hyperbolische wird ferner überschattet von einem alles überragenden Höchsten oder Letzten, das alle Überschritte zu Vorstufen einer auf ein letztes Ziel hinstrebenden Aufwärts- oder Vorwärtsbewegung herabsetzt. Die gleichzeitige Eingliederung und Mäßigung des Hyperbolischen ist Merkmal einer jeden Ordnung, die sich als allumfassend darstellt. Die Bewertung des Hyperbolischen ändert sich nur zum Teil, wenn in der Moderne der Mensch sein Schicksal in die eigene Hand nimmt und als autonomes Subjekt Grundrisse einer allgemeinverbindlichen Gesetzlichkeit entwirft. Bei Kant wird die transzendentale Analytik der Begriffe zwar überhöht durch eine transzendentale Dialektik der Ideen, doch regulative Ideen haben immer noch etwas von Vorschüssen auf Kredit. Eine transzendentale Hyperbolik wäre strenggenommen ein Ding der Unmöglichkeit. Denn wenn das Hyperbolische darin besteht, daß etwas über die Grenzen der jeweiligen Ordnung hinausgeht, so läuft die Frage nach allgemeinen und notwendigen Möglichkeitsbedingungen ins Leere. Damit wächst die Neigung, sich an das Gegebene (datum) und Gebbare (dabile) zu halten und den Rest auf sich beruhen zu lassen. Ockhams Razor fungiert nicht nur, aber auch als ein Instrument der Dehyperbolisierung, ähnlich den Normalitätsrastern, die der pragmatischen Beschneidung der Phänomene dienen. Überschüssiges tendiert hin zum Überflüssigen, Zuviel und Zuwenig halten sich die Waage. Antipodisch zu diesem Ausgleichsstreben verhält sich eine entfesselte Form von Hyperbolik, die über alles hinausgeht. Hyperphänomene, die als Überschußphänomene zu 11verstehen sind, werden zu Superphänomenen, die ganz anders sind als alles uns Vertraute. In der Reaktion auf tatsächliche oder angebliche Unzulänglichkeiten des immer noch angängigen »Projekts der Moderne« greift man nicht selten auf religiöse und mythische Motive zurück, indem man Kehrtwendungen und Umkehrungen propagiert und Erfahrungen durch Gegenerfahrungen korrigiert. Heutzutage fällt es nicht immer leicht, neuartige Formen einer Post- oder Hypermoderne von den Rückzugsgefechten einer Antimoderne zu unterscheiden.[1]

Unser eigener Versuch befaßt sich mit dem Auftreten von Hyperphänomenen oder Überschußphänomenen.[2] Darunter verstehen wir keine höheren oder jenseitigen Sonderphänomene, sondern geläufige Phänomene, insofern sie in Form von Überschritten und Überschüssen über sich selbst hinausweisen. An Überschußphänomenen zeigt sich das Hyperbolische; es zeigt sich, daß und wie etwas mehr und anders ist, als es ist, ohne deswegen alles werden zu können und ohne in einem Jenseits des ganz Anderen zu entschwinden. Die Erforschung hyperbolischer Phänomene und Erfahrungen bleibt dem Ansatz der Phänomenologie verpflichtet, indem sie nach wie vor von dem ausgeht, was sich in der Erfahrung zeigt, und nur insofern darüber hinausgeht, als das jeweilige Mehr, das Anders und auch das Nicht des Sichzeigens sich als solches zeigt. Bezug und Entzug bilden keinen Gegensatz, sondern eine Kontrastfigur. Die »Bodenlosigkeit«, die Husserl methodisch für sich in Anspruch nimmt, bedeutet nicht, daß der Ausgangsboden sich in Nichts auflöst und wir vom Boden der Erfahrung in die Wolken überschwenglicher Erfahrungen entschweben. Das Hyperbolische berührt sich vielmehr eng mit dem Außerordentlichen, das auf erstaunliche oder erschreckende Weise vom Ordentlichen 12absticht, aber darauf bezogen bleibt. Es berührt sich ferner mit dem Fremden und Fremdartigen, dessen Ansprüche ohne den Kontrast des Eigenen und ohne das Eingreifen eines Dritten wirkungslos bleiben würden. Der Ort unserer Überlegungen liegt folglich in einem Zwischen: zwischen Ordentlichem und Außerordentlichem, zwischen Eigenem und Fremdem, zwischen Normalem und Anomalem, zwischen Anwesendem und Abwesendem. Das »Hyper-«des Hyperbolischen bildet keine Sinnklammer und keine Regelinstanz, die unsere Erfahrung kontinuierlich zusammenhält, es markiert vielmehr einen Spalt, eine Kluft, eine Schwelle, die unsere Erfahrung immer wieder überquert, ohne sie zu überwinden.

Überschritte und Überschüsse treten nur im Plural auf. So wie Fremdes nur fremd ist in bezug auf…, so ist Hyperbolisches nur ein Mehr in bezug auf… Das Hyperbolische lehnt sich anderswo an, ohne anderswo zu gründen. Im Unterschied zu den Gestalten des Ganzen, des Einen oder des Höchsten trägt es Spuren des Okkasionellen an sich. Dies spiegelt sich wider im Gang unserer Untersuchungen, die immer wieder neu ansetzen wie bei einem Thema mit Variationen. Ein systematischer Fluchtpunkt würde dem Charakter des Hyperbolischen zuwiderlaufen.

Kapitel 1 beleuchtet den Status quaestionis, ausgehend von Transzendenz und Immanenz als einem umstrittenen Begriffspaar, dessen Spuren von Platon, Aristoteles und Plotin bis in die Gegenwart führen. Kafkas gleichnishafte Aufforderung »Gehe hinüber« bildet den Auftakt zu dem Versuch, das Transzendieren mit einer Eigendynamik auszustatten. Dabei spielen elementare Raumbewegungen wie der Überstieg, der hinüberführt, und der Aufstieg, der hinaufführt, eine besondere Rolle; sie werden verstärkt durch das Moment der Steigerung, in der sich die Erfahrung intensiviert. Auffällig ist die Ambivalenz des Überschreitens, das einerseits als eigener Überschritt verstanden werden kann, andererseits als Übergang zum Anderen, wie bei Levinas, und als ein vom Anderen Herkommen. Mit dem prekären Ineinander von Selbst- und Fremdtranszendierung folgen wir den Bahnen einer von Anspruch und Antwort, von Pathos und Response geprägten Phänomenologie, die sich erneut zu bewähren hat.

In den Kapiteln 2 bis 5 kommen die klassischen Themen des Unendlichen, Unmöglichen und Unsichtbaren zur Sprache, letzteres in Anknüpfung an den späten Merleau-Ponty. Dabei geht es auf je 13spezifische Weise um das Verhältnis von Nicht und Mehr, von Begrenzung und Grenzüberschreitung, das uns aus der Tradition der negativen Theologie als Doppelweg von via negationis und via eminentiae vertraut ist und das auch in Hegels dreideutiger Figur der Aufhebung nachwirkt. Hinzu kommt eine Analyse von Erinnern und Vergessen, die auf ein Urvergessen zurückgeht und von daher das Unvergeßliche neu bedenkt. Hierbei spielt das Leibgedächtnis eine wichtige Rolle.

Kapitel 6 stellt eine methodische Zwischenbetrachtung dar. Es geht hier um...

Inhaltsverzeichnis
Cover1
Informationen zum Autor/Buch2
Titel3
Impressum4
Inhalt5
Vorwort9
1. Diesseits und Jenseits17
1. Hinübergehen19
2. Weltall ohne Außen23
3. Über das Sein hinaus27
4. Innen versus Außen31
5. Selbstüberschreitung35
6. Ambivalenz des Überschreitens39
7. Hinübergehen und Herüberkommen40
8. Überschreitungen und Überschüsse42
9. Vielfältige Transzendenzen48
2. Aporien des Unendlichen53
1. Ambivalenz von Endlichkeit und Unendlichkeit54
2. Endlichkeit der Erfahrung im Sog ihrer Verunendlichung59
3. Erfahrungshorizonte60
4. Erinnern und Vergessen65
5. Sprachbarrieren68
6. Unendliche Ansprüche71
3. Spielräume des Möglichen und Überschüsse des Unmöglichen75
1. Die Zwiespältigkeit des Unmöglichen76
2. Allmacht des Gedankens77
3. Privative Unmöglichkeit79
4. Vorläufige Unmöglichkeit84
5. Hyperbolische Unmöglichkeit87
Wirkendes Pathos88
Unmögliches als Enklitikon89
Verfremdungsfiguren90
Unausweichlichkeit und Abgründigkeit94
Vorzeitigkeit und Nachträglichkeit97
6. Das Paradox des Unmöglichen100
4. Unsichtbares, das sich dem Blick entzieht102
1. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit103
2. Welt der begrenzten Sichtbarkeit106
3. Die Unsichtbarkeit des Fremden108
4. Sichentziehen110
5. Entzug und Anziehung113
6. Unfaßlichkeit des eigenen Leibes und des fremden Blicks115
7. Sichtbarmachen des Unsichtbaren118
5. Unvergeßliches, das sich dem Erinnern entzieht121
1. Platon: Im Aufschwung der Anamnesis122
2. Aristoteles: Verkörperung von Gedächtnis und Erinnerung125
3. Augustinus: Allgegenwart der Memoria130
4. Das verleugnete Vergessen135
5. Urvergessen und Urwiederholung141
6. Leibkörpergedächtnis145
7. Primäres und sekundäres Erinnern und Vergessen152
8. Gedächtnisstörungen und Erinnerungsleiden158
9. Unvergeßliches und Unerinnerbares164
6. Indirekte und paradigmatische Beschreibung170
1. Direkt aufweisende Beschreibung171
2. Konzepte indirekter Beschreibung176
3. Phänomenologische Reduktionen180
4. Proben indirekter Beschreibung182
5. Zum Beispiel186
6. Beispielhafte Erfahrungen189
7. Beispiellose Widerfahrnisse193
7. Mehr als nötig und geschuldet198
1. Bedarf und Überschuß199
2. Schmuck und Glanz204
3. Geben, Nehmen und Haben211
4. Tauschen und Schenken217
5. Gabe ohne Tausch, Tausch ohne Gabe222
6. Synkretismus des Gebens und Anökonomie der Gabe228
8. An Stelle von234
1. Über Einfühlung und Mitgefühl hinaus234
2. Das Rätsel der Stellvertretung236
3. Normale Stellvertretung238
4. Originäre Stellvertretung241
5. Figuren der Stellvertretung244
Rechtsanwalt245
Therapeut246
Übersetzer248
Zeuge249
Feldforscher252
9. Im Vertrauen auf255
1. Vertrautheit und Glaubwürdigkeit257
2. Kampf gegen das Mißtrauen264
3. Verteiltes und gemischtes Vertrauen266
4. Gefahr und Risiko268
5. Riskantes Vertrauen272
6. Mangelndes Fremdvertrauen275
7. Vertrauen zwischen uns278
Fremdeinstellung und Fremderwartung279
Gefährdetes Vertrauen und Mißtrauen281
Vertrauen schenken als Vertrauensvorschuß283
Vertrauen wecken als Vertrauensbildung285
8. Vertrauensgeschichte und Vertrauenssphäre288
9. Institutionelles und habituelles Vertrauen291
10. Fremdheit, Gastfreundschaft und Feindschaft296
1. Der Fremde im Zwielicht297
Relative und radikale Fremdheit297
Zweideutigkeit des Fremden298
Zweideutigkeit des Zwischen299
Verflechtung von Eigenem und Fremdem301
Iterierte Fremdheit302
Fremdheit als Pathos303
2. Der Gast  der Fremde auf der Schwelle304
3. Der Feind  der Fremde am anderen Ufer309
11. Metamorphosen der Gewalt315
1. Paradox der vernichtenden Gewalt315
2. Schleichwege hybrider Gewalt320
Brutstellen der Gewalt321
Mechanismen der Gewaltausübung324
Wirkungsfelder der Gewalt325
3. Ausbrüche exzessiver Gewalt331
12. Vergleichen des Unvergleichlichen  eine interkulturelle Gratwanderung335
1. Das Dilemma des Vergleichens335
2. Der Prozeß des Vergleichens337
3. Interkulturelles, das dem Vergleich vorausgeht344
4. Transkulturelles, das den Vergleich übersteigt348
13. Religiöse Transzendenz353
1. Schwierigkeiten beim Reden von Religion353
2. Religiöse Phänomene357
3. Religiöse Leitdifferenz360
4. Religiöse Erfahrung zwischen Pathos und Response363
5. Religion zwischen Kultus und Logos und die